Lawinenkunde leicht verständlich – Teil 4. Freeriden findet nicht auf der Couch statt, weshalb wir mit euch ins Gelände gehen.

Wenn ihr die bisherigen Folgen von unserer „Lawinenkunde leicht verständlich“ verinnerlicht habt, solltet ihr euer gefährliches Halbwissen bereits verdoppelt haben. Zumindest theoretisch seid ihr jetzt auf dem neuesten Stand in puncto Lawinenlagebericht (LLB), Lawinengefahren und der optimalen Planung eures Freeride-Trips. Jetzt geht es auf den Berg!

Hier findet ihr die anderen Teile von „Lawinenkunde leicht verständlich“

01 | Im Tal

Ihr habt euch in den letzten Tagen schon mit der aktuellen Schnee-, Wetter- und Lawinensituation auseinandergesetzt und euch nun für ein Resort entschieden, das lohnende, aber gleichzeitig sichere Verhältnisse verspricht. Ihr habt euch natürlich auch schon über euer Netzwerk die besten Powder Runs zusammengetragen und in topografischen Karten deren Exposition und Steilheit bestimmt. Es kann also losgehen. Nachdem ihr euer Ticket gezogen und euch ein letztes Mal davon überzeugt habt, dass LVS, Schaufel, Sonde, Helm und optional ein Lawinenrucksack am Start sind, gibt es nur noch zwei Kleinigkeiten, die ihr gleich erledigen solltet.

Es empfiehlt sich nämlich, den LVS-Check gleich im Tal durchzuführen, denn bei einer Fehlfunktion oder unzureichender Akkuleistung habt ihr dort noch die Möglichkeit, euch Batterien zu kaufen oder gegebenenfalls ein Ersatzgerät auszuleihen. Und speichert euch auch gleich die Notfallnummer der örtlichen Bergrettung in eurem Handy ein. Im Ernstfall habt ihr dann diesen Kontakt schnell zur Hand und verliert keine Zeit, um Hilfe zu rufen. Jetzt geht’s aber wirklich rauf in den Schnee.

02 | DROP-IN
Lawinenkunde leicht verständlich – Teil 4

Ihr steht am Drop-in eures Runs. Die Entscheidung, ob ihr in euren geplanten Hang einfahrt oder nicht, nimmt euch jetzt niemand mehr ab, es sei denn, ihr seid mit einem Bergführer unterwegs. Wenn dem nicht so ist, liegt es ab diesem Zeitpunkt ganz allein an euch, ob ihr in der Lage seid, die zuvor gewonnenen Informationen auf die lokalen Bedingungen zu übertragen und somit die Lawinensituation optimal einzuschätzen. Im Einzelnen gilt es jetzt, Hangneigung, Höhenlage und Exposition zu bestimmen. Diese drei Faktoren lassen sich im Gegensatz zu den vielen anderen Einflüssen messen. Habt ihr die notwendigen Daten gesammelt, wird es schwieriger. Ihr müsst nun die unterschiedlichen Zeichen deuten, die Wind und Temperaturverlauf im Hang vor euch hinterlassen haben.

Und damit nicht genug, ihr müsst all diese Daten noch zum Lawinenlagebericht in Relation setzen. Hierfür gibt es unterschiedliche Strategien, die euch bei dieser schwierigen Aufgabe helfen. Diese nutzen euch allerdings nur, wenn ihr sie immer wieder trocken übt. Nur dann können sie euch vor Gefahren schützen. Deutlich einfacher sind da die Alternativen der DAV Snowcard (www.av-snowcard.de) oder des „Check and Ride“ von Ortovox (www.ortovox.com). Beide Varianten unterstützen euch bei der Klärung der Frage, ob ihr gefahrlos den vor euch liegenden Hang befahren könnt oder nicht, wobei die Handhabung wirklich einfach ist. Dennoch können sie niemals als Alternative zur intensiven Beschäftigung mit der Lawinenthematik herangezogen werden.

03 | DER RUN

Schließlich habt ihr den Hang als safe eingeschätzt und ihr bereitet euch auf den genialen und unverspurten Run vor. Da ihr nicht allein unterwegs seid – das seid ihr nämlich niemals im Gelände! –, klärt ihr gemeinsam ab, wo eure Line genau verläuft. Wo euer nächster Safety Spot liegt, an dem sich die Gruppe wieder trifft, und wer als Letzter in der Gruppe losfährt. Diese vertrauenswürdige Person kann nämlich dann helfen, falls etwas Außerplanmäßiges passieren sollte. Ihr wollt doch schließlich, dass keiner eurer Shred-Buddys verloren geht.

Nachdem auch das geklärt ist, droppt ihr einzeln in den Run – jedenfalls wenn dieser steiler als 35 Grad ist. Als Formation „wildes Powder-Rudel“ würdet ihr bei dieser Neigung den Hang unnötig stark belasten und somit das Risiko eines Schneebretts erhöhen. Also durchatmen und relaxt bleiben. Wir wissen natürlich, dass sich Besonnenheit und unverspurte Hänge nur widerwillig unter einen Hut bringen lassen, weshalb das Wort „Gruppendynamik“ immer wieder im Zusammenhang mit Freeriden zu lesen ist. Es fällt bei der Euphorie extrem schwer, Nein zu dir oder zur Gruppe zu sagen, wenn für dich die Voraussetzungen für eine sichere Abfahrt nicht gewährleistet sind. Und noch schwieriger wird es, wenn neben euch andere Freerider in genau diesen Hang droppen. Bleibt konsequent! Wer sich vor Augen führt, dass er morgen, übermorgen und die ganze Saison noch Turns in unverspurte Flanken ziehen will, dem fällt der Verzicht auf diese eine Abfahrt deutlich leichter. Aber jetzt heißt es: „See you at the bottom!“ Stay safe.

DIE ZEHN FREERIDE-REGELN

4.1. Lawinenlagebericht lesen
Informiert euch über die aktuelle Gefahrenstufe, bevor ihr ins ungesicherte Gelände fahrt. Achtet besonders auf die Angaben zu den Gefahrenstellen (Wo ist es heute gefährlich?) und zu den Gefahrenquellen (Was ist heute die Hauptgefahr?).

4.2. Immer mit LVS-Notfallausrüstung
LVS, Sonde und Schaufel sollte jeder Einzelne dabeihaben. Erste-Hilfe-Paket, Biwaksack und Handy gehören darüber hinaus zum Standard. Ein Airbag-System erhöht deine Überlebenschancen.

4.3. Regelmäßiges LVS-Training
Training kann Leben retten! Je öfter ihr mit eurem LVS-Gerät übt, desto schneller findet ihr im Notfall Verschüttete.

4.4. Nie allein
Fahrt immer mindestens zu zweit. Kleine Missgeschicke und Unfälle können allein schwerwiegende Konsequenzen haben.

4.5. Übersicht verschaffen
Schaut euch das Gelände oberhalb und unterhalb genau an, bevor ihr losfahrt. Seid vorsichtig, wenn sich andere Freerider über oder unter euch befinden!

Lawinenkunde leicht verständlich – Teil 4.

4.6. Nie alle auf einmal
Fahrt nacheinander in einen Hang. Die Abstände zwischen euch sollten mindestens 50 Meter betragen. Das gilt auch für Querfahrten. Im Aufstieg mindestens zehn Meter Abstand halten!

4.7. Steilhänge einzeln fahren
Passagen mit mehr als 35 Grad Neigung solltet ihr einzeln befahren. Beobachtet euch gegenseitig, um im Notfall schnell reagieren zu können.

4.8. Sichere Sammelpunkte
Teilt eure Abfahrt in Etappen ein. Sammelt euch an lawinensicheren Stellen. Besprecht von dort aus die nächste Etappe.

4.9. Vorsicht bei schlechter Sicht
Bei schlechter Sicht kann die einfachste Abfahrt zum großen Problem werden, auch für Experten. Extreme Vorsicht ist dann geboten.

4.10. Beachte deine Grenzen
Haltet euch an die lokalen Naturschutzregeln!

Wenn ihr noch mehr zum Thema Lawinen erfahren möchtet, empfehlen wir euch den ultimativen Backcountry Guide.

Wenn ihr euch für ein Lawinenkurs bei den Experten von SAAC anmelden wollt, könnt ihr das hier tun.

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