Lawinenkunde leicht verständlich – Teil 3.
Schneedeckenaufbau, Lawinenarten und die Gefahren von Schneebrettern bei bestimmten Lawinensituationen einfach erklärt.

In den ersten beiden Folgen unserer Lawinenkunde, haben wir euch die Basics des Lawinenlageberichts nähergebracht und wie ihr euch vor eurem geplanten Trip in den Tiefschnee ideal vorbereiten könnt. In dieser Folge von „Lawinenkunde leicht verständlich“, möchten wir euch noch ein paar weitere wichtige Grundlagen mit auf den Weg geben. Hier erfahrt ihr mehr zu den Lawinenarten, dem Schneedeckenaufbau und die Problematik von Schneebrettern bei bestimmten Lawinensituationen.

01 | Lawinenarten

Lawinen unterscheiden sich in ihren äußeren Merkmalen wie der Form des Anrisses, des Bewegungsflusses, der Lage der Gleitfläche und der im Schnee vorhandenen Feuchtigkeit. Aus welchen Gründen eine Lawine abgeht, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Neben Hangneigung, Schneedecke oder Wetterlage ist nicht zuletzt der Mensch selbst oft dafür verantwortlich.

1.1 Schneebrettlawine
Für uns Freerider die wichtigste Art von Lawinen, denn über 90% der tödlichen Lawinenunfälle gehen auf das Konto von Schneebrettlawinen zurück. Die Hauptmerkmale für eine Schneebrettlawine sind der linienförmige Anriss an der Bruchkante und die flächige Sturzbahn. Eine Schneebrettlawine kann auch im flachen ausgelöst werden, wenn sich eine störanfällige Schwachschicht in der Schneedecke befindet. In der Regel löst sich die Lawine erst ab einer Hangneigung von 30° Grad. Der Initialbruch und die Bruchfortpflanzung geschieht mit sehr hoher Geschwindigkeit. Als häufige Ursache für die Auslösung von Schneebrettlawinen zählt neben Triebschnee und Schwachschicht auch die Zusatzbelastungen von uns Freeridern.

1.2 Lockerschneelawine
Eine Lockerschneelawine erkennt man an ihrem punktförmigen Ursprung, der sich dann kegelförmig in Richtung Tal verbreitert. Voraussetzung für den Abgang ist eine Hangneigung ab etwa 35° Grad. Beim Herunterrutschen der Schneemassen fügen sich einzelne Schneeteilchen zusammen und bilden einen kegelförmigen Ausläufer. Eine Lockerschneelawine ist für Freerider meist weniger gefährlich, da sie oft unter dem Rider abgeht oder weniger Schnee mitführen, als Schneebrettlawinen.

Lawinenkunde leicht verständlich – Teil 3

1.3 Gleitschneelawine
Eine Gleitschneelawine ähnelt in ihren äußeren Merkmalen der Schneebrettlawine, jedoch reicht hier der Abriss bis auf den Grund hinab, da meist die gesamte Schneedecke abrutscht. Gleitschneelawinen sind unvorhersehbar und werden nicht durch Zusatzbelastung, sondern spontan ausgelöst. Erhöhte Temperaturen im Frühjahr, steile Hänge (ab 40° Grad) und ein glatter Untergrund begünstigen das Loslösen einer Gleitschneelawine.

1.4 Nassschneelawine
Nassschneelawinen kommen vor allem in den Frühjahrsmonaten vor, wenn Schmelzwasser, Regen und die Aufschmelzung der Schneekristalle zu kleinen Eiskugeln für Probleme sorgen. Letztlich wird die Schneedecke einfach zu schwer und die Haltekraft müssen gegenüber der Hangabtriebskraft nachgeben. Eine Nassschneelawine ist jedoch durch ihre Temperaturvoraussetzungen relativ leicht vorherzusehen.

02 | Aufbau Schneedecke

Alle Lawinenarten haben Ursachen – und diese sind meist im Aufbau der Schneedecke zu suchen. Dieser ähnelt grob gesagt einer Lasagne. Mit jedem Schneefall legt sich eine neue Schicht auf die bereits bestehende Schneedecke, die sich so durch permanent wechselnde Wetterverhältnisse neu verformen. Schneidet man diese vertikal wie beim Graben eines Schneeprofils an, so lässt sich die Historie eines gesamten Winters und die inzwischen wirkende Metamorphose der einzelnen Schichten und Schneekristalle ablesen. Diese „Aufzeichnungen“ helfen wiederum, eine genaue Beurteilung über die aktuelle Lawinensituation zu treffen und können sogar als Blick in die Zukunft dienen, um zukünftiges Wetter am Berg zu prognostizieren. Wie man das macht, müssen wir an dieser Stelle den Profis überlassen, denn in ihrer Komplexität lässt sich dieses Thema hier nicht wirklich hilfreich transportieren.

03 | Schneebretter bei typischen Schneebeschaffenheiten

Was wir euch aber noch mit auf den Weg geben wollen sind die typischen Schneebretter, wie wir sie über den Winter immer wieder finden. Schneebrettlawinen können nämlich bei Neuschnee-, Triebschnee-, Nassschnee- und Altschneesituationen auftreten.

3.1 Neuschnee
Wenn Schnee fällt, entsteht eine neue Schicht – ein potenzielles Schneebrett. Vor allem ist Neuschnee aber eine Zusatzlast auf die potentielle Schwachschicht, die sich entweder direkt an der Altschneeoberfläche, in den oberflächennahen Schichten des Altschnees oder eben innerhalb des Neuschnees befindet. Durch Wind- und Temperaturschwankungen während des Schneefalls können auch kurzfristig schwache Strukturen innerhalb des Neuschnees entstehen, z.B. bei wenig Wind.

3.2 Triebschnee
Wenn der Wind Schnee verfrachtet, entsteht eine stark gebundene Triebschneeschicht mit idealen Bretteigenschaften. Aus diesem Grund wird der Wind immer als Baumeister von Lawinen bezeichnet. Liegt unterhalb des frischen Triebschneepakets eine Schwachschicht, lässt es sich leicht auslösen oder bricht spontan. Falls die Schwachschicht fehlt, etwa weil der Triebschnee in sich gut gebunden ist und auf einer günstigen (rauen) Altschneeoberfläche liegt, ist eine Auslösung wenig wahrscheinlich.

Lawinenkunde leicht verständlich – Teil 3

3.3 Altschnee
Befinden sich in der Schneedecke eine oder mehrere kritische Schwachschichten, die von einem Schneebrett überlagert sind, das die Bruchausbreitung unterstützt, haben wir einen ungünstigen Schneedeckenaufbau und somit ein Altschneeproblem. Die Schwachschichten bestehen dabei typischerweise aus weichem, grobkörnigem und kantig aufgebautem Schnee oder dünnen Schichten aus eingeschneitem Oberflächenreif. Kantig aufgebaute Schichten entstehen oft in schneearmen Frühwintern und können sich über Wochen oder Monate halten. Beim Altschneeproblem existiert oft ein mächtiges Schneebrett und die im Frühwinter entstandenen aufgebauten Schichten sind großflächig vorhanden. Diese Kombination kann zu besonders großen Lawinen und einem erhöhten Risiko führen.

3.4 Nassschnee
Durch Regen oder Schneeschmelze wird die Schneedecke feucht. Das kann zwei Dinge zur Folge haben. Wasser, das in die Schneedecke hineinsickert, kann sich an markanten Schichtgrenzen stauen. Der lokal hohe Wassergehalt führt zu einer Abnahme der Festigkeit. Vor allem bei stark aufgebauten Schichten kann die Lawinengefahr rasch ansteigen. Werden schwache Schichten an der Basis der Schneedecke feucht, können große Nassschneelawinen entstehen. Generell ist der Festigkeitsverlust am größten, wenn eine Schicht das erste Mal feucht wird. Nach einer Abkühlung stabilisiert sich eine Nassschneelawinensituation.

Wenn nur die oberflächennahen Schichten feucht werden, zum Beispiel wenn es gegen Ende einer Schneefallperiode noch bis in hohe Lagen regnet, ist die Schwachschicht, die bricht, meistens trocken. Für die Auslösung entscheidend ist dann die erhöhte Verformbarkeit des Schneebretts durch die oberflächliche Anfeuchtung. Damit diese Veränderung zur Lawinenauslösung führt, muss allerdings die Schwachschicht recht ausgeprägt sein.

Wenn ihr mehr zum Thema Lawinenkunde erfahren möchtet, empfehlen wir euch unseren Backcountry Guide.

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