Im Zuge unserer Patagonia-Story haben wir uns auch mit Ryan Gellert, dem General Manager für Europa unterhalten, um mehr Hintergrundinformationen zu erfahren.

Ryan Gellert ist Patagonias General Manager für Europa. Wir haben den sympathischen Lenker des Europa-Geschäfts der Marke getroffen und mit ihm über die notwendigen Herausforderungen in der Textilbranche gesprochen, um unseren Kindern und Kindeskindern noch ein Leben wie wir es heute kennen auf unserer Erde zu ermöglichen.

Ryan Gellert | © Patagonia
Ryan Gellert | © Patagonia

Hallo Ryan! Textilhersteller versuchen, durch eine optimierte Stoffverwertung nachhaltiger zu produzieren. Reicht das, um die Welt zu retten?
Nein, das reicht natürlich nicht, aber es ist ein wichtiger Baustein in der Produktionskette, durch den man die CO2-Emission bei der Abfallproduktion wie zum Beispiel den Wasser- oder Chemikalienverbrauch reduzieren kann. Aber viel wichtiger ist, dass wir alle lernen, mit unserer Kleidung nachhaltiger umzugehen. Man kann problemlos einen kaputten Reißverschluss oder andere Dinge an Kleidung reparieren, ohne dass man gleich ein Kleidungsstück wegschmeißen und ein neues kaufen muss. Mit einem bewussteren Konsumverhalten würden wir alle zusammen am allermeisten für die Umwelt tun!

Patagonia setzt auf Nachhaltigkeit. Eine der wichtigsten Botschaften der Worn Wear Tour im vergangenen Jahr war, dass wir Konsumenten doch lieber unsere Klamotten reparieren sollten, anstatt ständig neue Kleidung zu kaufen. Die Worn Wear Tour ging auch quer durch Europa | © Patagonia
Patagonia setzt auf Nachhaltigkeit. Eine der wichtigsten Botschaften der Worn Wear Tour im vergangenen Jahr war, dass wir Konsumenten doch lieber unsere Klamotten reparieren sollten, anstatt ständig neue Kleidung zu kaufen. Die Worn Wear Tour ging auch quer durch Europa | © Patagonia

Da gibst du quasi schon das Stichwort zu eurem „Worn Wear“-Konzept, das ihr vor fünf Jahren ins Leben gerufen habt. Ihr tourt inzwischen auch durch Europa und repariert, soweit das möglich ist, vor Ort verschlissene Patagonia-Klamotten. Ihr habt in London, Berlin und Mailand sogar Shops, in denen ihr gebrauchte Patagonia-Styles verkauft. Magst du uns über das ganze Projekt etwas mehr erzählen?
Ich kann euch einen Überblick über Nordamerika geben, da ist das ganze Konzept etwas einfacher zu fassen. In unserem Servicecenter in Reno/Nevada haben wir im Geschäftsjahr 2017 50.295 Reparaturen durchgeführt. An 48 Industrienähmaschinen arbeiten dort momentan 69 Vollzeitbeschäftigte, von denen sich 14 Mitarbeiter allein um den Austausch von Reißverschlüssen kümmern. Das waren ungefähr 30.000 im letzten Jahr. Inzwischen betreiben wir ein eigenes Reparaturzentrum in Japan und arbeiten mit Reparaturzentren in Europa zusammen.

© Patagonia
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Neben dem Recycling arbeitet Patagonia mit seinen Produzenten auch an neuen Techniken bei der Materialentwicklung und in der Produktionskette, um umweltfreundlichere Kleidung anbieten zu können. Wie müssen wir uns das vorstellen?
Wir haben in den letzten zehn Jahren die gängigen Chemikalien und Verbräuche von Ressourcen in der Textilproduktion evaluiert und mit Partnern, die ähnlich wie wir denken angefangen, nach Lösungen zu suchen, die die Erstellung von Textilien CO2-neutraler werden lassen. Ein wichtiger Punkt ist auch die absolute Transparenz in der gesamten Produktions kette, um jeden Arbeitsschritt nach vollziehbar zu machen. Wir arbeiten hier mit sehr innovativen Partnern zusammen und hoffen, so neue, umweltfreundliche Wege bei der Kleiderproduktion beschreiten zu können, ohne dabei an Qualität der Materialien, Imprägnierungen usw. einbüßen zu müssen.

© Patagonia
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Geht es im Kern also um eine schonendere Produktion, um als nachhaltige Brand erfolgreich sein zu können?
Als Erstes einmal ist „Nachhaltigkeit“ ein anspruchsvoller Begriff! Er besagt, dass man weniger natürliche Ressourcen der Erde nimmt, als man ihr zurückgibt. Im ersten Moment hört sich diese Vorstellung utopisch an, allerdings müssen wir daran arbeiten, genau diese Formel einzuhalten, wenn wir die Erde bzw. uns retten möchten. Wir wissen, dass Patagonia Teil unseres Umweltproblems ist, und versuchen unter großen Anstrengungen in all unseren Geschäftsbereichen, unsere CO2-Bilanz zu ver bessern. Das fängt wie vorhin schon besprochen bei der Produktion an, reicht aber auch in alle Ecken unseres Unternehmens wie Beleuchtung, Nebenproduktionen, Recycling, Verwendung organischer und nachhaltiger produzierter Materialien und Unterstützung unserer Partner in den Produktionsländern. Mit diesem Fair-Trade-Ansatz wollen wir zudem die Lebensbedingungen der Fabrikarbeiter verbessern, ihnen mehr Sicherheit und einen gesünderen Arbeitsplatz ermöglichen und letztlich dadurch auch ihr Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Umwelt schärfen. Uns ist es auch wichtig, dass der Dialog zwischen Arbeitnehmern und Management stattfindet, was in vielen Unternehmen nach wie vor leider undenkbar ist.

Firmengründer Yvon Chouinard fing als passionierter Kletterer an, Kletterequipment selbst zu entwickeln und zu produzieren. Seine Passion für die Natur, den Sport und ein soziales Miteinander haben die Weichen für die heutige Ausrichtung von Patagonia gestellt | © Patagonia
Firmengründer Yvon Chouinard fing als passionierter Kletterer an, Kletterequipment selbst zu entwickeln und zu produzieren. Seine Passion für die Natur, den Sport und ein soziales Miteinander haben die Weichen für die heutige Ausrichtung von Patagonia gestellt | © Patagonia

Das hört sich nach einem Mammutprojekt an. Könnt ihr tatsächlich in allen Bereichen und Abläufen mit allen Lieferanten diese guten wie ehrgeizigen Ziele umsetzen?
Wir arbeiten daran und sind auf einem sehr guten Weg, aber trotzdem noch lange nicht am Ziel. Es sind auch noch mehr Anstrengungen nötig, um wirklich den nachhaltigen Turnaround zu meistern. Aus diesem Grund haben wir Partnerschaften mit führenden Politikern und der Öko-Industrie geschlossen und gemeinsam eine neue Zertifizierung für ökologische Lebensmittel und Textilien beschlossen. Patagonias künftiges Ziel ist es, durch die Minimierung unseres ökologischen Fußabdrucks zu helfen, tatsächlich zum Erhalt des Planeten beizutragen. Wir sehen dabei die regenerative ökologische Landwirtschaft als einen wichtigen Prozess, um dies zu ermöglichen. Es ist ein weiterer wichtiger Schritt nach vorn für diese Bewegung — und kann mithilfe unserer Kunden auch ein bedeutender Schritt für die Gesundheit unseres Planeten sein.

© Patagonia
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Lass uns am Schluss noch über euer Engagement sprechen, das im Grunde genommen nichts mit eurer Brand zu tun hat. Ihr nutzt euer Netzwerk, um auf Missstände aufmerksam zu machen, und ihr unterstützt viele Umweltinitiativen. Was steckt hinter all dem?
Alles, was wir tun, geht auf unsere Kernaussage zurück, die unser Handeln seit über 20 Jahren bestimmt. Wir wollen die besten Produkte herstellen, unseren ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich halten und die Bekanntheit unserer Marke nutzen, um Lösungen für die Umweltkrise zu finden, und diese letztlich auch umsetzen. Unsere Stärke als Organisation bei der Umsetzung und der Inspiration von Veränderungen liegt im Engagement unserer Eigentümer, unserer Führungskräfte und jedes einzelnen unserer Mitarbeiter. Es klingt vielleicht nicht intuitiv, aber Yvons Engagement, Patagonia zu nutzen, um Veränderungen voranzutreiben, wächst nur mit der Zeit. Wir haben uns der Idee verschrieben, eine aktivistische Firma zu werden – und wir nutzen das ganze Unternehmen als Werkzeug gegen die Ursachen des Klimawandels. Unsere Shops fungieren dabei als eine Art Drehscheiben des Aktivismus. Sie veranstalten Events, bieten Besprechungsräume und engagieren sich in lokalen Aktionen. Jeder Patagonia-Store spielt da bei eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Beziehungen zu Non-Profit-Organisationen in ihren Bereichen und treibt Umweltinitiativen voran wie zum Beispiel durch finanzielle Unterstützung, Kleiderspenden, Praktika oder Bildungsprogramme. Die Beziehung, die unsere Geschäfte zu ihren jeweiligen Communitys haben, unterstreicht die Möglichkeit, dass wir uns als Marke mit einer breiten Gruppe von Menschen aus der ganzen Welt zu einer Vielzahl von Umweltproblemen – sowohl global als auch regional – auseinandersetzen müssen.

Aus: Prime Snowboarding Magazine #17