Nicholas Wolken hat gemeinsam mit Patagonia das Filmprojekt ‚Close to home‘ realisiert, in dem er zu seinen Wurzeln in den Schweizer Bergen zurückkehrt.

Ein Start mit Hindernissen

Oft beschäftigt uns die Suche nach neuen Abenteuern so sehr, dass wir aufhören wertzuschätzen, was sich direkt hinter uns befindet. Die simpelste Art Neues zu entdecken ist es, sich einfach mal umzudrehen und bewusster hinzuschauen. Von dieser Idee und von der Suche nach einer experimentellen Seite des Snowboardens wurde auch Nicholas Wolken angetrieben. Er verbrachte die letzten zwei Saisons damit herauszufinden, was die Natur nur zwei Zugstunden von seinem Heimatort zu bieten hat. Das Ergebnis ist „Close to Home“. Der siebenminütige Kurzfilm begleitet Nicholas und Forrest Shearer, wie sie in einer ursprünglichen Alpenhütte in eine Zeit zurückversetzt wurden, in der Menschen noch mit weniger im Leben auskamen. Viel Spaß mit Nicholas‘ Ansichten, begleitet von Fotos, auf denen überwiegend sein Patagonia-Teamkollege Forrest zu sehen ist, da Nico während der Reise Knieprobleme hatte und kaum Snowboarden konnte.


Close to home – Das Interview

© Patagonia
© Patagonia

Wie bist du auf „Close to Home“ gekommen, wo doch vergangenen Winter fast überall die Pillows die Bäume unter sich in die Knie zwangen?
Es ist etwas paradox, aber erst durch die vielen Reisen, die ich aufgrund unserer Snowboardfirma Korua Shapes gemacht habe, habe ich realisiert, wie sehr ich die Zeit zu Hause genieße und dass ich an einem wunderbaren Ort lebe. Es gibt vor meiner Haustüre immer noch viel Neues im Schnee zu entdecken. Es hat für mich aber auch ganz praktisch mehr Sinn gemacht Gebiete in der näheren Umgebung aufzusuchen. So habe ich mehr Zeit im Schnee und muss nicht ständig im Auto sitzen, an Flughäfen und im Flieger abhängen, geschweige denn einen Jetlag auskurieren. Außerdem ist es viel billiger, entspannter und auch besser für die Umwelt, zu der wir letztlich auch gehören. Mir ist auch aufgefallen, dass ich beim Konsumieren von Snowboard-Medien immer wieder das Gefühl bekomme, dass ich unbedingt an exotischere Destinationen reisen müsste, um etwas Besseres oder mehr Glück zu finden. Dieses Bewusstsein in Kombination mit immer billigeren Flugtickets, macht es schwierig der Verlockung einer Fernreise zu widerstehen. Dieser Film soll eine Alternative aufzeigen und verdeutlichen, dass es auch vor der Haustüre oder an dir schon bekannten Orten Neues zu entdecken gibt. Wenn man sich bewusst vom ausgetretenen Pfad entfernt, ist es möglich um die Ecke wirklich Schönes in sich und der Natur zu entdecken, ohne dass du nach Japan oder sonst wohin reisen musst.

Wo wart ihr zum Filmen für „Close to Home“ unterwegs?
Wir haben Teile des Filmes in der Alphütte gedreht, die Freunden meiner Familie gehört. Sie liegt direkt auf dem Hügel über der Ortschaft in Graubünden, in der ich aufgewachsen bin. Ich war seit Jahren nicht mehr dort, weshalb viele Erinnerungen in mir hochgekommen sind und es hat mich sehr gefreut, diesen schönen Spot mit meinen Freunden zu teilen. Aus logistischen Gründen haben wir aber auch in Innsbruck gefilmt, wo Christoph Thorensen [der Filmer, Anm. d. Red.], Mitch und Bibi Tölderer leben. Ich habe noch viele Freunde dort und gute Erinnerungen aus meiner Zeit als Student, weswegen es toll war, mal wieder da zu sein. Innsbruck fühlt sich wie mein zweites Zuhause an, wenn mich die Liebe nicht in die Schweiz gezogen hätte, würde ich vielleicht immer noch dort leben.

Forrest und Nicholas genießen gemeinsam die Lines vor der Haustüre des Schweizers | © Patagonia
Forrest und Nicholas genießen gemeinsam die Lines vor der Haustüre des Schweizers | © Patagonia

Haben sich diese Trips einfacher und freier angefühlt, eben weil du nicht so weit reisen musstest?
Gerade weil wir unsere Umgebung kannten, war die Zeit im Schnee viel entspannter, weniger Zeitaufwand und kein Leistungsdruck. Die Idee war es, ein unkompliziertes und schnelles Filmprojekt zu starten, aber meine Kniescheibe und Achillessehne hatten andere Pläne. Aus den ursprünglich geplanten zwei Wochen wurde am Ende ein Zweijahresprojekt, ich habe mir oft Sorgen gemacht und war mir nicht sicher, ob am Ende alles stehen und funktionieren würde. Letztendlich mussten wir auch mehr reisen als mir lieb war und Teile des Films wie z.B. die Hikeszenen neben dem Zug habe ich mit der kaputten Kniescheibe gedreht. Ich denke, wir hatten einfach viele Hürden zu überwinden bei diesem Projekt und hätte es noch mehr Distanzen involviert wäre es nie fertig geworden.

„Da oben gibt es keine Trends. Sachen werden repariert und wiederverwendet“

Hat die Idee umweltbewusster Snowboarden zu gehen mit in die Planung für „Close to Home“ gespielt?
Ja, wir wollten schon einen Film über umweltbewusstes Snowboarden machen, es war uns anfangs aber nicht ganz klar wie wir das anstellen sollten. Schlussendlich hatten wir eine Reihe von Ideen, die wir im Film versucht haben umzusetzen, wie z.B. Splitboarden statt Lifte benutzen, wiederverwendbare Flaschen nutzen und mit dem Zug anstatt dem Flugzeug oder Auto zu reisen. Dass der Titel für das Projekt am Ende „Close to Home“ sein würde, wurde erst im Verlauf der Planung klar. Später wurde mir auch bewusst, welch große Bedeutung die Art der Umsetzung des Projekts für mich hat. Hätte ich das Projekt besser durchdacht, hätte ich Forrest nicht gefragt, ob er aus den USA anreisen will für ein Projekt, dass sich letztendlich um Snowboarden vor der Haustüre dreht. Man lernt eben immer dazu. Ich hoffe aber, dass wir ein paar Menschen inspirieren können auf eine Flugreise zu verzichten, dann hat sich das Projekt schon gelohnt.

Hätte er nicht ein Jones-Brett an den Füßen, könnte man Forrest Shearrer auf diesem Foto nicht von Nicholas unterscheiden. Beiden gemein ist die Freude am minimalistischen, ästhetischen Snowboarden und der puren Freude am Fahren perfekter Turns und dem Surfen durch tiefen Schnee | © Patagonia
Hätte er nicht ein Jones-Brett an den Füßen, könnte man Forrest Shearrer auf diesem Foto nicht von Nicholas unterscheiden. Beiden gemein ist die Freude am minimalistischen, ästhetischen Snowboarden und der puren Freude am Fahren perfekter Turns und dem Surfen durch tiefen Schnee | © Patagonia

Du meintest, dass dich der Trip nicht nur zurück in die Gegend deiner Kindheit führte, sondern auch in die Vergangenheit.
Bevor es Lifte und Gondeln gab, haben sich die Leute Tierfelle unter die Ski gebunden, um die Berge zu erkunden. Wir haben es während unseres Trips ähnlich gemacht. Der einfache Lebensstil in unserer Hütte hat uns in die Zeit zurückversetzt, in der die Menschen noch weniger gebraucht und auch weniger besessen haben. Es zeigt einem wie wenig man wirklich braucht. In der Hütte befinden sich noch alte nützliche Gegenstände, deren Wert nicht abläuft, verglichen mit vielen unnützen Dingen heutzutage. Da oben gibt es keine Trends. Sachen werden repariert und wiederverwendet. Damit wächst auch ihr emotionaler Wert über die Zeit.

Kannst du uns etwas über die Hütte erzählen, in der ihr gewohnt habt?
In den 1970er Jahren kaufte der Opa meines besten Schulfreundes die Hütte. Es war eine alte, heruntergekommene Heubaracke, die von der Schweizer Armee in Stücke geschossen wurde, als diese sie für Schießübungen verwendet haben. Er hat die Hütte als Wochenend- und Feriendomizil mit Hilfe seiner Familie praktisch von Grund auf neu aufgebaut. Er ist heute über 90 Jahre alt und wir mussten uns bei einem Glas Wein von ihm ganz genau die Handhabe der Hütte erklären lassen, bevor wir das Schlüsselversteck erfahren durften. Er ist ein ausgezeichneter Zimmerer, weshalb die Hütte wahnsinnig schön geworden ist. Er hat auch den Zimmereibetrieb geründet, in dem mein Vater arbeitet und in dem ich früher während des Sommers gejobbt habe.

Wie waren die Schneebedingungen dort oben für euch?
Es war sehr unterschiedlich, mir sind vor allem die extremen Wetterverhältnisse aufgefallen. Letzten Winter z.B. gab es zwar viel Schnee, der aber durch die warmen Temperaturen schnell schwer und nass wurde. Messungen der letzten Jahre zeigen, wie die globale Erderwärmung die Winter immer kürzer werden lässt. Der Schnee kommt später und schmilzt früher, was es sehr schwer macht Vorhersagen zu treffen und Projekte zu planen.

Was ist dir wichtig beim Snowboarden, was treibt dich an?
Mein Snowboarden hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Mir geht es nicht darum mich oder meine Tricks zu verbessern, sondern mehr um den Erfahrungsaspekt. Ich habe es richtig genossen, weniger zu riskieren und mich stattdessen auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Ich mache mir heute bewusst, was in einem einfachen Turn passiert und wie es sich anfühlt, genau die richtige Stelle zu finden, um den Turn zu platzieren, eine gute Line zu ziehen und diese dann in einem guten Flow zu erleben. Ich versuche die Einstellung von „weniger ist mehr“ auch beim Snowboarden zu integrieren. Qualität statt Quantität. Vielleicht geht’s nur mir so, aber ich glaube auch, dass wenn man mal älter und zerbrechlicher geworden ist, man nicht mehr Kopf und Kragen beim Shredden riskieren muss. Ich will ja noch lange fahren können und gebe mich mittlerweile schon mit dem Gefühl eines gelungenen Turns zufrieden. Mit Erschrecken musste ich aber feststellen, dass ich mich mittlerweile selbst bei Turns verletze! [lacht] Trotzdem: Mit der Immer-weiter-und-höher-Mentalität kann ich mich nicht mehr identifizieren, es macht mir mehr Spass den Turn bewusster zu spüren. Für mich geht es im Snowboarden immer mehr darum, keinen unnötigen Stress zu erleben, die einfachen Dinge zu genießen, eine gute Zeit zu haben und draußen in der Natur ungestörte Turns mit meinen Freunden zu fahren.

Yearning For Turning Volume 8 – Gone Boardin': Die neueste Episode der Korua-Crew ist online!

Was hast du von diesem Trip gelernt bzw. was konntest du für dich mitnehmen?
Dass es unmöglich ist ein vollkommen naturfreundliches Filmprojekt zu realisieren. Und ich habe gelernt, dass ich ein wirkliches Interesse im Gebiet der Öko-Psychologie entwickelt habe. Die bewusste Begegnung hat mich verändert. Ich möchte mehr darüber lernen, wie sich die Natur auf unsere Psyche und umgekehrt auswirkt. Vor allem die Idee von Gaia hat mich sehr berührt (Den ganzen Planeten als riesigen, lebenden Organismus zu sehen, mit dem wir eins sind). Ich möchte mehr darüber lernen, was für eine emotionale Verbindung ich zur Natur habe und was für Parallelen man hier zu menschlichen Beziehungen durch humanistische Psychologie ziehen kann. Ich wurde darin bestärkt, mein Denken und Handeln zu ändern. Ich glaube, durch die offene, bewusste Begegnung der Natur näher kommen zu können und dadurch eine emotionale Verbundenheit möglich ist. Eine, die von mehr Wertschätzung geprägt ist. Es wäre schön einen Weg zu finden, dies weitergeben zu können. Es ist mir auch bewusster geworden, dass es mir durch das Älterwerden immer wichtiger wird mehr Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen. Wenn ich nicht in die Ferne reise, bleiben Begegnungen mit Freunden und Familie wahrscheinlicher und sind öfter möglich.