Snowboarden im Iran: Seit der Einführung des Internets will die Klage nicht verstummen, die moderne Welt biete dem Joe Average keinen Platz mehr für Abenteuer, Männer stellen ihr Schicksal nicht mehr auf die Probe, so heißt es.

Es ist in Zeiten wie unseren, in den aus den Helikopter Eltern wahrhaftige Kampfhubschrauber geworden sind, ungleich viel schwieriger geworden, noch echte Abenteurer zu finden. Denn sobald sich Jan-Frederik im Sandkasten eine Hand voll Sand die die Kauleiste steckt, wird ihm Sekunden später im Rechts der Isar der Magen ausgepumpt. Aber während Jan-Frederik japsend in seinem Bettchen lag, stopfte sich Daniel Menke denselben wohl kiloweise in den Mund und Jan-Frederiks Portion gleich noch hinterher. Heute ist der mittlerweile 43-jährige  zäher als Leder und härter als Kruppstahl (verzeiht uns diesen Vergleich aber ist einfach unglaublich treffend), und während die Millenials Instagram Follower sammeln, sammelt ExperiMenke Abenteuerpunkte! Auf den breiten Schultern des in Höxter geborenen Hühnen ruhen jahrzehntelange Snowboard Erfahrung und jede Furche in seinem Gesicht erzählt uns die Geschichte eines seiner fast zahllosen Abenteuer. Das Abenteuer? Ist für den Lehrer aus Köln eine Glaubensfrage. Das er in der Planung seiner Abenteuer nicht immer altruistisch vorgeht, sei geschenkt. Dennoch findet er jedesmal irgendeinen „Assistenten“, der ihn auf seine nicht gerade ungefährlichen Reisen begleitet. Von Campingtrips in die schroffe Wildnis Alaskas über Wellenneuentdeckungen im Nirgendwo Indonesiens: Daniel Menkes Reisen fangen meistens da an, wo die Schönwetterkapitäne von heute schon lange die Segel gestrichen haben. Sein Katalysator? Wut, Unruhe, Lebenslust, Langeweile? Dies auf einen Begriff, ein Wort runterzubrechen wäre führwahr zu leicht und würde dem ewig ruhelosen nicht gerecht werden. Dieses Jahr hat der Hühne von Höxter zusammen mit Sepp Schallermeier und Christian Staab den Iran in Angriff genommen. Was die drei dort erlebt haben lest ihr in nachfolgendem Reisebericht, den Daniel verfasst hat. Wir werden auch künftig in unserer neuen Reihe „Experimenke would go“ von Daniels Abenteuern berichten.

Snowboarden im Iran – Experimenke would go

Der nächste Winter stand bevor. Langsam kamen die ersten Gedanken auf, wohin könnte der nächste Snowboardtrip in der Weihnachtszeit gehen? Das gesuchte Gebiet sollte auf jeden Fall schneesicher und somit hoch gelegen sein, ein möglichst unberührtes Freerideareal mit Liftunterstützung bieten, weiterhin günstig und gerne auch etwas exotischer anmuten als die Alpen oder Rockies. Die Überlegungen gingen vom Snowboarden im Balkan – zu unsicher die Schneelage zu der Zeit, über Kirgistan – keine Liftunterstützung, und Indien – zu ungewiss ob das Skigebiet in Gulmarg schon Ende Dezember öffnet – hin zum Snowboarden im Iran.

Skigebiete im Iran

Zwischen der Hauptstadt Tehran und dem Kaspischen Meer erstreckt sich das Elburs-Gebirge mit seinen vielen Gipfeln über 4000 m Höhe und dem hohen Vulkangipfel Damavand der bis zu 5600 m Höhe aufragt.

Snowboarden im Iran
Daniel nach einer Tour im Iran. Im Hintergrund thront der Damavand Vulkan.

Direkt an die nördliche Stadtgrenze Tehrans grenzt schon das erste Skigebiet Tochal und eine Autostunde entfernt, befinden sich die Gebiete Shemshak, Darbandsar und Dizin.

Snowboarden im Iran: Ist das überhaupt sicher?

Dieses Setting klang wie gemacht für den nächsten Snowboardtrip. Aber in welchem Land findet man diese Bedingungen nochmal? Im Iran? War da nicht was? Worüber wird bezüglich des Irans immer in den Nachrichten berichtet? Ist eine Reise in den Iran überhaupt möglich, geschweige denn sicher? Mit diesen Fragen im Kopf war es an der Zeit sich näher über das Land zu informieren:

In der Islamischen Republik Iran herrscht ein totalitäres Regime, es gibt die Handelssanktionen der USA gegen den Iran, weiterhin existiert ein umstrittenes Atomprogramm und in jüngster Vergangenheit wurden bei Demonstrationen mehr als 100 Menschen getötet und etwa 1000 festgenommen. 

Aber denkt man an Krieg – Fehlanzeige, auch eine Reisewarnung durch das Auswärtige Amt gab es  vor einigen Monaten noch nicht. Also stand der Buchung der Flüge in den Iran nichts mehr im Wege.

Visum Iran

Nachdem die Flüge gebucht waren, fiel uns auf, dass man ein Visum für die Einreise in den Iran benötigt. Nachdem der gestellte Online-Antrag auf die Erteilung eines Visums wochenlang nicht bearbeitet wurde, haben sie mich bei der telefonischen Nachfrage nach dem Bearbeitungszustands darauf hingewiesen, dass ich für die erste Iranreise doch persönlich beim Konsulat oder in der Botschaft vorsprechen müsse. Die Erteilung des Visums verlief dann aber recht stressfrei.

Somit konnte die Reise beginnen. Mit von der Partie waren meine Buddies (Assistenten!! Anm.d.Red.) Sepp Schallameier und Chris Staab.

Menke, Staab und Schllameier auf dem Gipfel
Einmal Batman zweimal Robin. Experimenke hat die zwei Nachwuchsabenteurer unter seine breiten Fittiche genommen. Links im Bild Chris Staab, Mitte Josef „Sepp“ Schallameier und rechts der Boss himself: Daniel „Experimenke“ Menke. 

Snowboarden Iran: Ruhetag Sonntag

Wir landeten Mitten in der Nacht in Tehran, am nächsten Morgen ging es dann direkt nach 3 Stunden Schlaf ins stadtnahe Skigebiet Tochal. Dort teilte man uns allerdings mit, dass das Skigebiet aufgrund von Revisionsarbeiten geschlossen sei – wie jeden Sonntag.

Egal dachten wir uns, dann geht es direkt mit dem Taxi weiter ins 60 km entfernte Skigebiet Shemshak. Dort checkten wir erst einmal in eines der beiden Touristenhotel mit dem aufregenden Namen Shemshak Hotel ein. An der Rezeption erfuhren wir recht schnell, dass auch die Lifte in Shemshak still stehen, weil sie nicht mehr den Sicherheitsstandards entsprechen. Schnell kamen mir die Bilder vom unkontrolliert rückwärts laufenden Sessellift in Georgien vor 2 Jahren in den Sinn, der die Menschen im hohen Bogen hinausschleuderte und für unzählige Knochenbrüche sorgte.

Naja, auch die Information über das zweite geschlossene Skigebiet konnte uns die Laune und die freudige Erwartungen auf den ersten persischen Powder an diesem sonnigen Tag nicht vermiesen. Nur 10 km weiter liegt schon das nächste Skigebiet, Darbandsar. Für die letzten 2 Stunden (die Lifte schließen bereits um 15 Uhr) kauften wir uns noch einen Tagesskipass zum horrenden Preis von umgerechnet 12 €.

Snowboarden im Iran
Sicher nicht den Abenteuergeist von Häuptling Daniel Menke, dafür ordentlich Snowboardskills in seinen bayrischen Beinen: Seppo Schallameier. Pic: Chris Staab

Gondeln und Sessellifte aus den 50/60er Jahren brachten uns hinauf auf etwa 3100 m. Direkt neben dem Ausstieg erstreckten sich weite, unverspurte 30° Grad Hänge und so stürzten wir uns hinein in den persischen Powder.

Euphorisiert von diesem Nachmittag, planten wir schon die nächsten Runs für den nächsten Tag. Das Terrain, das sich durch den Ausstieg am oberen Sessellift in Darbandsar erschließen lässt, hatte eine Menge unterschiedlicher Runs zu bieten und versprach somit eine Menge Spaß.

Snowboarden im Iran: auch das Regime auf den Pisten ist totalitär

Nach dem ersten Powderrun am nachfolgenden Tag wurden wir allerdings bitter enttäuscht. Nicht aufgrund des Schnees, des Wetters oder der Länge der Abfahrt, das alles war perfekt an diesem Tag. An der Gondel angekommen, empfing uns ein aufgebrachter Mann der Pistenwacht, der uns mitteilte, dass wir direkt wieder unser Lifttickets abgenommen bekommen und er sie höchstpersönlich verbrennen wird. Verbrennen? Warum denn das? Würde abnehmen nicht schon reichen? Aber die Hauptfrage, die sich uns stellte, war warum denn überhaupt?

Freeriden verboten

In den Skigebieten im Iran ist das Fahren neben der Piste bzw. ausserhalb des Skigebietes strengstens verboten. Wir versuchten uns zu erklären und kamen mit dem Manager des Gebietes ins Gespräch.

All unsere Erklärungen, dass wir uns der Gefahren am Berg bewusst sind und über die nötige Ausrüstung und Erfahrung verfügen, brachten nichts. Man hatte in erster Linie Angst, dass unser Verhalten Nachahmer findet. Da es im Iran aber weder eine Bergrettung noch eine Lawinenkommission gibt und man auch nicht riskieren möchte, dass Ausländern in den Skigebieten etwas passiert, erschien uns die Argumentation ein stück-weit nachvollziehbar.Aber dennoch sind wir ja in den Iran gekommen um FREERIDEN zu gehen und nicht um auf der Piste zu fahren! Also musste ein Plan her! Den Rest des Tages verschwanden wir schnell aus der Sichtweite der Liftler und der Pistenpatrouille und tasteten uns weit weg vom Skigebiet in die Hänge links und rechts vom Skigebiet vor.

Snowboarden im Iran
Earn your Turns: Menke und Schallameier beim Aufstieg. Pic: Chris Staab

 

Die Nacht und der darauffolgende Tag brachte Schneefall. Dies hatte zur Folge, dass das Skigebiet in Darbandsar geschlossen blieb. Nicht weiteres schlimm, da wir unsere Splitboards dabei hatten. Über den Aufstieg durch das Skigebiet in Shemshak versuchten wir den dahinterligenden Gipfel des Abecks zu erreichen. Dichte Wolken hielten uns von dieser Unternehmung letztendlich ab. Den Nachmittag verbrachten wir in der Umgebung des Hotels und  fanden einige nette Streetspots an denen wir uns die Zeit vertrieben.

Snowboarden im Iran
Josef Schallameier gibt einem Ferienhaus im Iran einen neuen Anstrich. Die Eigentümer waren bestimmt begeistert. Pic: Chris Staab

Auf nach Dizin – das größte Skigebiet im Iran

Am Nachmittag brachen wir dann zur nächsten Station unserer Reise in das größte Skigebiet Irans, nach Dizin auf. Eigentlich erreicht man Dizin, indem man die 8 km lange Passstrasse hinauf fährt und oben am Pass mit der Gondel oder dem Snowboard nach Dizin abfährt. Tagelang war die Passstrasse geöffnet. Weil es aber in der letzten Nacht angefangen hat zu schneien und die Straßen in den Bergen einfach nicht geräumt, sondern nur gesperrt werden, musste wir den 180 km langen Weg um den Berg herum antreten. 5 Stunden später und umgerechnet 20 € ärmer erreichten wir das Gajehre Hotel, 3 km vor dem Skigebiet in Dizin.

Menke, Schallameier und Staab im Iran
Sepp und Daniel vor dem etwas zu kleinen Auto. Pic: Chris Staab

Snowboarden im Iran: Sylvester ohne Alkohol und Neuschnee am ersten

An diesem Abend war Silvester. Ein spätes Essen im hoteleigenen Restaurant war auch schon das Highlight an diesem, in der Vergangenheit immer sehr besonderen Abend. Eine Silvesterparty, geschweige denn Alkohol suchten wir vergebens und so endetete der Silvesterabend nach Austauschen der Neujahrswünsche in diesem Jahr ungewöhnlich früh für uns. Der Neujahrstag präsentierte sich dann mit einem strahlend blauen Himmel und 20 cm Neuschnee. Doch der Schein trügte. Dizin liegt auf der anderen Bergseite von Darbandsar und scheinbar auf der Luvseite. Der Schnee der letzten Tag war nach Darbandsar rübergeblasen worden und auch die 20 cm Fresh konnte die Steine im Gebiet nicht ausreichend zudecken. Die unzähligen Sharks zerstörten unsere Boards an diesem und den nachfolgenden Tagen gänzlich.

Chris Staab findet eine gute Line
Der Schein trügt: unter dem herrlich weiten Powder wartete der spitze iranische Fels. Rider: Chris Staab. Pic: Daniel Menke

Aber auch in diesem Gebiet waren die Jungs der Pistenwacht aufmerksam und hielten uns schnell davon ab die Hänge weiter zu zerspuren. Ein Alternativprogramm musste her!

 

Perfekte Kickerspots im Iran – mit gefährlichen Überaschungen im Landing

Das wellige Gelände offenbarte die perfekten Kickerspots. Nachdem eine Stelle mit einem kleinen Roadgap gefunden, wir die Anfahrt und den Absprung hergerichtet, die ersten Probesprünge durchgeführt wurden und endlich alles passte, tauchte schon wieder ein Herr der Pistenpatrouille auf. Da sich der Kickerspot nur 30 Meter neben der Piste befand, war unser Unverständnis über seine Einwände gegen unseren Aufenthaltsort natürlich sehr groß.

Snowboarden im Iran
Dan the Man: Front Drei in die Steine. Pic: Chris Staab

Also ignorierten wir jegliche Anweisungen und es ging erst einmal weiter bis mit dem nächsten Sprung ein ganzes Steinfeld in der Landung freigelegt wurde. Diese Erkenntnis überzeugte uns dem Menschen der Pistenpatrouille klein bei zu geben und den Spot zu räumen. 

Snowboarden im Iran: Von der Pistenpatrouille verfolgt

Am gleichen Tag lieferten wir uns noch ein Wettrennen mit der Pistenpatrouille den Berg hinauf. Wieder einmal wollte man uns davon abhalten den unverspurten Pulver zu fahren. Eigentlich hatten wir das Skigebiet bereits verlassen, fühlten uns als freie Menschen in einer Berglandschaft, die kein Privatbesitz war und meinten dementsprechend im Recht zu sein uns frei bewegen zu dürfen. Da wir uns allerdings nicht um die Konsequenzen im Klaren waren, wenn wir uns den Anweisungen der Pistenpatrouille wiedersetzten, ließen wir uns wieder einmal zur Umkehr überreden. Die Gesetzteslage hierzu war uns nicht bekannt und auf Kontakten mit der Polizei im Ausland verzichtet man auch nur zu gerne. Ebenso die Vorstellung wegen eines Vergehens die viel beschriebenen Peitschenhiebe hinnehmen zu müssen, erstickte alle revolutionären Gedanken an diesem Tag.

Snowboarden im Iran
Der Hund hat Daniel direkt als Alphatier aktzeptiert und ist ihm den ganzen Tag durch den persischen Tiefschnee gefolgt. Pic: Chris Staab

 

Am nächsten Tag planten wir den 4150 m hohen Gipfel des Kloon Bastak zu besteigen. Der höchste und spektakulärste Berg in der gesamten Region um Dizin. Eine unzureichende, kritische Schneedecke mit einem fragwürdigen Aufbau, eine steinige Abfahrt auf der Rückseite des Berges und aufziehende Wolken hinderten uns allerdings an der Umsetzung des Plans.Alternativ verließen wir an diesem Morgen schnell und dieses Mal zum Glück ungesehen das Skigebiet und fuhren hinüber in das nahe gelegene Gebiet von Darbandsar. Die Splitboardtour hin und zurück dauerte insgesamt 9 Stunden und so kamen wir an diesem Tag erst eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit vom Berg.

General Soleimani stirbt – und alles wird gut

Sepp war schon viel früher unten angekommen und nahm uns mit der Nachricht über den Tod des obersten iranischen Generals Soleimanis in Empfang.

Für die nachfolgenden 3 Tage wurde die Volkstrauer ausgerufen und die Skigebiete blieben geschlossen. Gut für uns, endlich mal entspannt zu einer Splitboardtour aufsteigen und die unverspurten Hänge, auf die wir die letzten 3 Tage schon geschaut hatten, in Angriff nehmen, ganz ohne die Jungs der Pistenpatrouille. Und so fand unser Freerideabenteuer im Iran doch noch ein versöhnliches Ende. Weiterhin bleiben die vielen netten, aufgeschlossenen und gastfreundlichen Iraner, die wir kennen gelernt haben in unseren Herzen.

Sepp Schallameier fährt dieses Jahr wieder das Pitztal Wildface mit, von dem wir wieder berichten werden.

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