Jeremy Jones im Interview: Als die Gummistiefel noch aus Holz waren und Snowboarden in den Kinderschuhen steckte, gründeten dem Lifestyle verfallene Snowboarder die ersten Brands. Über die Jahre wuchsen einige von ihnen zu Global Player heran, die während des riesigen Booms um die Jahrtausendwende mächtig Cash abschöpften.

Dieser Artikel ist in der 21. Ausgabe unseres Printmagazins erschienen. 

Text: Basti Gogl. 

 

Der Trend zog weiter und das inzwischen mordsmäßig aufgeblasene Snowboard-Geschäft konnte sich nicht mehr aufrecht auf den Beinen halten, was dazu führte, dass jede Menge begnadete Pros ihren Job verloren. Wenige Jahre später, als die Industrie totgesagt wurde, kündigte der bestbezahlte Freerider der Welt seinem Hauptsponsor, ohne einen neuen Vertrag in der Tasche zu haben. Jeremy Jones schien nicht nur verrückt zu sein, wenn er die heftigsten AK-Lines hinunterdonnerte, denn diese Entscheidung schien seine Karriere „lebensbedrohlich“ zu gefährden.

Jeremy Jones geht seinen eigenen Weg

Aber Jones verfolgte ein Ziel, wie eigentlich jedes Mal, wenn er einen Berg für seine Lines in Angriff nahm und schaffte es tatsächlich, seine Skeptiker eines Besseren zu belehren. Die Idee von Jones nahm vor zehn Jahren ihren Lauf und hat sich seither stetig weiterentwickelt, genau wie Jeremy: Lies sich der Freerider doch einst auf jeden Peak per Helikopter fliegen, so geht er heute im wahrsten Sinne des Wortes mit gutem Beispiel voran und erklimmt die Berge, die er befahren möchte, aus eigener Körperkraft. Natürlich konnte sich Jones Snowboardes im vergangenen Jahrzehnt auch nur entwickeln, weil die Marke Teil des Konsumkreislaufes ist, dem wir alle angehören. Der Unterschied zu vielen anderen Brands ist allerdings, dass Jeremy nichts unversucht lässt, um durch seine Bekanntheit auf die Problematik des Klimawandels aufmerksam zu machen.

Wir wollten uns mit Jeremy Jones zum Kerzenauspusten und Geburtstagstorteessen verabreden, was fast in die Hose ging, da Jeremy inzwischen ein unglaublich beschäftigter Mann geworden ist. Aber nachdem wir ihm erzählten, dass wir alternativ mit Burton auf deren Vierzigsten anstoßen würden, stand Jeremy urplötzlich doch noch vor der Tür.

Hey Jeremy, Glückwunsch zu zehn Jahren Jones! Wie würdest du dieses Jahrzehnt in einem Satz zusammenfassen?

Eine große Reise ins Unbekannte, unterstützt von unzähligen Snowboardern, Shops, Ingenieuren und Mitarbeitern, die daran geglaubt haben, dass wir unser Ziel einer nachhaltigen und trotzdem erfolgreichen Snowboard-Brand erreichen werden.
Kannst du dich noch an den Augenblick erinnern, als die Entscheidung Jones zu gründen fiel und was waren damals deine Beweggründe für diesen Schritt?
Es war nie mein Plan, eine eigene Snowboardfirma zu gründen, aber ich bekam einfach nicht die Snowboards, die ich haben wollte. Der Schwerpunkt bei meinem damaligen Sponsor lag auf Freestyle-Boards, aber ich hatte einige wirklich spannende Ideen und neue Konzepte sowohl für Splitboarding als auch für All-Mountain Snowboarding. Außerdem wollte ich für ein Unternehmen arbeiten, das meiner Umweltethik entsprach. Damals verhandelte ich auch mit potenziellen neuen Sponsoren, während ich versuchte, meine Ideen und Ideale in Einklang zu bringen, was wiederum den Impuls für Jones auslöste. Aber am Ende war definitiv das Treffen mit den Nidecker-Brüdern entscheidend. Sie waren jung und aufgedreht und wir hatten direkt einen guten Draht zueinander. Ich wusste, dass die Jungs gut und hungrig waren und meinen Produktkonzepten Leben einhauchen konnten.

Jeremy Jones
Heavy Lines in Nepal… und das ganze auch noch zu Fuß erklommen. Pic: Andrew Miller

Wie gründet man eigentlich eine Snowboardmarke?

Gute Frage! Das mit Jones fing zwei Jahre nach dem Start von Protect Our Winters an, als ich gerade dabei war, meinen ersten eigenen Film „Deeper“ zu produzieren. Finanziell gesehen, war die Entscheidung eine Katastrophe, da mir Sponsorengelder für die Umsetzung des Filmprojektes flöten gegangen sind. Andererseits ist über die Jahre in mir ein starkes Bewusstsein herangereift, wie ich mich in unserer Umwelt bewegen möchte, auch in Hinblick auf die Produktentwicklung und die Art und Weise, wie ich Snowboarden wollte. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich zwar dieses Bewusstsein in der Theorie gepredigt, aber in der Praxis habe ich versagt und nutzte weiterhin die Vorzüge eines Pros wie Heli-Shuttles usw. Drei Monate nachdem ich das erste Mal an Jones gedacht habe, folgte ich endlich meinem Herz und nicht dem Geld und gründete Jones ohne einen blassen Schimmer zu haben, was auf mich zukommen und wo hin die Reise führen würde.

Blickt man auf die letzten 20 Jahre Entwicklung zurück, waren überwiegend die renommierten Marken für Innovationen und Image verantwortlich. Heute setzten in der Wahrnehmung nicht selten jüngere Marken wie z. B. Jones die Akzente. Machen die „Newcomer“ einfach besseres Marketing?

Ich achte bewusst nicht darauf, was andere Marken machen. Meine Inspiration für Jones basiert auf der vielen Zeit, die ich in den Bergen mit den unterschiedlichsten Menschen aus fast allen Altersgruppen verbringe. Ich gehe sogar so weit und behaupte, dass unser Erfolg nicht unser Marketing, sondern unser Produkt ist. Als wir Jones gründeten, gab es praktisch kein Marketing. Unser Marketing war unsere tägliches Tun und Handeln. Heute ist unser Entwicklungsbudget immer noch um 80 % höher, als unser Marketingbudget.

Snowboarden war über viele Jahre einfach zu cool für diese Welt. Seitdem Freeriding und Splitboarding an Beliebtheit gewinnen, können viele Leute sich auch wieder mit dem Sport identifizieren. Wo siehst du die Zukunft des Snowboardens?

Es ist schwer zu sagen, was die Zukunft für Snowboarden bereithält. Ich weiß nur, dass meine Generation wie keine andere Snowboardern geformt und geprägt hat. Unsere Kinder fahren jetzt auch Snowboard, was vermuten lässt, dass wir in den kommenden Jahren ein Wachstum erleben werden. Es gibt viele coole und clevere Kids, die die Snowboard-Fackel in die Hand nehmen und uns in die Zukunft führen werden. Meine Hoffnung beruht auch auf einer möglichst vielfältigen Snowboard-Kultur, die von Rails bis Powsurfing und von Tech-Freestyle bis Rennen alles abdeckt und akzeptiert. Je mehr Vielfalt und Möglichkeiten Snowboarden bietet, desto besser und nachhaltiger wird sich die Zukunft des Sports entwickeln.

Das Jones Team transportiert erfolgreich die Emotionen des Sports, indem ihr macht, was ihr liebt. Du meintest vorhin auch, dass euer Marketing ihr selbst seid. Wie wichtig ist das Team aber für die Produktentwicklung?

Unser Team ist ein großer Gewinn für die Produktentwicklung, genau wie für die Verbreitung der Emotionen und der Faszination, die Snowboarden hervorruft. Ihre Erfahrungen fließen in die Produktentwicklung mit ein, aber vor allem sind sie authentische Botschafter für unseren Sport. Damit meine ich nicht von Trainingswegen, sondern weil unser Team aus Leuten besteht, die ihr Leben um Snowboarden herum aufgebaut haben und einen ähnlichen Lifestyle und die gleiche Umweltethik vertreten wie ich und diese mit anderen Snowboardern teilen möchten.

Jeremy Jones
Jeremy Jones in Nepal, chilling in the squad!!

Lass uns beim Entwicklungsprozess bleiben. Wie müssen wir uns die Umsetzung eines Produktes von der Idee bis zum Verkauf vorstellen?

Der Entwicklungsprozess verläuft organisch und natürlich. Manchmal kommt es mir fast so vor, als ähnelt dieser Prozess einer Splitboardtour in ein unbekanntes Tal. Der Schlüssel für die erfolgreiche Entwicklung neuer Produkte, ist ein offener Geist ohne feste Vorstellungen oder Agenden, wie die Entwicklung verlaufen muss. Es gibt bei Jones keine Abkürzung zu einem guten Produkt. Wir testen, optimieren, denken nach und wiederholen diese Vorgänge immer wieder, bis wir hoffentlich irgendwann ein Produkt in den Händen halten, das uns überzeugt und uns glücklich macht. Aus diesem Grund gibt es auch keinen vorgeschriebenen Produktionsplan, bis wann ein neues Produkt marktreif zu sein hat. Zum Beispiel haben wir an dem neuen Flagship mehrere Jahre getüftelt. Ich wollte das Board von Grund auf neu entwickeln, mit absolut umweltfreundlichen Materialien und Produktionsprozessen. Ich hatte am Anfang keine Ahnung, ob wir am Ende ein besseres Produkt herstellen werden und so testeten und optimierten wir immer wieder und immer wieder. Wir erlebten Rückschläge, verfolgten neue Ideen, testeten sie usw. Während dieser mehrjährigen Entwicklung habe ich auch festgestellt, dass die Entwicklung von wirklich umweltfreundlichen Produkten einfach so lange dauert, wie sie eben dauert. Und wie im Leben selbst, gilt auch hier für uns bei Jones: Der Weg ist das Ziel! Nachhaltigkeit wird zwingendermaßen zum Thema unserer Generation.

Jeremy Jones
Linecheck in Chile. Pic: Andrew Miller

Ist Wintersport in seiner heutigen Form überhaupt noch vertretbar?

Die eigentliche Frage muss doch lauten, ob die Menschheit in ihrer jetzigen Form nachhaltig ist und langfristig überlebensfähig bleibt. Die Wissenschaft hat belegt, dass unser gegenwärtiger Weg und die Geschwindigkeit, mit der wir uns auf diesem bewegen, unser Leben auf der Erde dramatisch verändern wird. Wintersport spielt dabei auch eine Rolle, wie wir letztlich alle, aber die Wintersportler sind in dieser Diskussion nur eine Randerscheinung. Und wie gesagt, wir alle spielen in diesem Kreislauf eine Rolle, egal, ob wir auf deinem Snowboard, vor einem Schaufenster oder Zuhause unter der Dusche stehen. Und genau hier müssen wir, muss jeder Einzelne ansetzten, um im Kollektiv wirklich etwas bewegen zu können. Wir werden nicht nur unser geliebtes Snowboarden verlieren, wenn es keine Winter mehr gibt, deshalb ist es für mich ein absolutes Rätsel, warum die gesamte Wintersportindustrie und alle Wintersportler nicht stärke zusammen dafür einstehen, dass sich unsere Politik endlich und schnell bewegt, indem Kohle und andere CO2-Verursacher hoch besteuert und Anreize zum Umdenken geschaffen werden.
In der Autoindustrie scheint die Weichenstellung in Richtung E-Mobilität zu stehen. In der Mode wird an Konzepten gearbeitet, dass wir bald in kleinen Shops per kleinen Produktionsstraßen, direkt vor Ort unsere Klamotte produzieren und kaufen können.

Was glaubst du, wie in zehn Jahren Snowboards hergestellt und vertrieben werden?

Ich bin offen und gehe neue Wege, um die Situation unserer Umwelt zu verbessern. 3D Drucker in verschiedenen Regionen, die den Kunden die Produkte ohne große Transportwege herstellen, wären schon echt cool! Ich bin auch ein großer Fan von Kreislaufwirtschaft, bei welcher alte Produkte an den Hersteller zurückgeschickt werden und zur Herstellung neuer Produkte wiederverwendet werden. Es gibt einen leichten Trend bei den High-End Rentals, den wir genau analysieren und für uns in Zukunft nutzen möchten.  Zurück in der Gegenwart, müssen wir weiterhin daran arbeite, weniger schädliche, dafür langlebigere und leistungsfähigere Produkte herzustellen. Mit zunehmendem Wachstum haben wir bei Jones auch mehr finanzielle Kraft, sauberere Herstellungsverfahren und nachhaltigere Materialien zu entwickeln.

Jeremy Jones
Jeremy Jones surft die weiße Welle in Chile. Pic: Andrew Miller

Du reist seit über 20 Jahren als Pro um die Welt und hast zusammen mit Xavier de Le Rue Freeriding auf ein neues Niveau gehoben. Welcher Moment aus dieser langen Zeit war das eindrücklichste Erlebnis für dich?

Das muss im zweiten Jahr während der Dreharbeiten zu „Deeper“ gewesen sein. Meine Karriere war auf dem Höhepunkt und ich bin gerade davon abgekommen, weiterhin Hubschraubern als Lift auf die Berggipfel zu benutzen. Ich war aber auch davon überzeugt, dass Hubschrauber die Grenzen des Möglichen limitieren, da man mit ihnen nur rund 5 % der Berge dieser Erde anfliegen darf, was bedeutete, dass 95 % aller Berge durch mein Raster fielen, wenn ich mich weiterhin bequem per Hubschrauber hätte Shuttlen lassen. Ich war mir sicher, dass ich mein Riding verbessern könnte, wenn ich nur lange genug in den Bergen verweile und zu Fuß die Gipfel erklimmen würde, die ich mit dem Heli nicht erreichen konnte. Am Anfang war diese Umstellung ein einziger Kampf. Ich musste eine neue Crew finden, die mit mir diesen Weg gehen würde, musste gegen ständig beschlagene Kameralinsen und leere Batterien und Akkus kämpfen. Musst lernen, wie man zu Fuß diese Berge bezwingt, die ich zuvor bequem per Helikopter erreichte und und und … Wie gesagt, dieser eindrückliche Moment geschah im zweiten Jahr, als wir für Deeper drehten und ich zusammen mit Xavier am Fuße eines unglaublichen Faces für 20 Tage in einem Zelt ausharrte. Wir hatten die Hoffnung, dass wir einen Tag erwischen, an dem es uns die Bedingungen erlauben würden, die unglaublichen Spins die dieses Face durchzogen, zu befahren. Am 21. Tag grabbelten wir morgens um 3 Uhr aus unseren Zelten und kämpften uns den Berg hinauf. An diesem Tag fuhren wir die besten Lines unseres Lebens! Das war definitiv der größte Moment meiner Karriere und ich bin stolz und dankbar, dass ich diesen eindrücklichen und unvergesslichen Moment zusammen mit Xavier erleben durfte.

Du hast jetzt zehn Jahre mit Jones auf dem Buckel. Was versprichst du dir von den nächsten zehn Jahren Jones?

Wir werden weiterhin daran arbeiten, unsere Produkte immer leistungsfähiger und nachhaltiger zu gestalten. Wir werden weiterhin Geld sammeln, das wir für gezielte Aktionen gegen den Klimawandel, einsetzten werden. Es gibt keinen Masterplan für Jones und so werden vor allem unsere Kunden mit ihrem Kaufverhalten unser weiteres Schicksal mitlenken, das sich bis jetzt definitiv zum besten Run meines Lebens entwickelt hat! An dieser Stelle in herzliches Dankeschön an alle, die uns bis jetzt gekauft und unterstützt haben. Wir fangen gerade erst an… ONWARD!

 

Wenn ihr ein paar bewegte Bilder und ein weiteres Interview von Jeremy sehen wollt, könnt ihr das hier: https://prime-snowboarding.de/jeremy-jones-interview-snowboarder-surfer-businessman-activist-dad-pid39958/