…stays on the road! Klischee oder Wahrheit? Die Erfahrung aus vielen Jahren des Reisens als Teil der Snowboard-Community hat gezeigt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt.

Jede Reise an einen entfernten Ort und somit aus der alltäglichen Umgebung hinaus, ist auch eine Reise in die Tiefenpsychologie unseres menschlichen Wesens. Wer hat welche Gewohnheiten, wer kommt mit fremden Situationen gut klar und wer nicht, wie formiert sich die Hierarchie innerhalb der Truppe, und noch viel spannender: Wer wird on the Road zum Jäger oder zum Gejagten, der vielleicht zuhause einen soliden und seriösen Menschen abgibt?

Wer könnte die vielen, vielen Stunden zählen, die wir im Auto, Zug oder sonswo absitzen, um Snowboarden zu können?
Wer könnte die vielen, vielen Stunden zählen, die wir im Auto, Zug oder sonswo absitzen, um Snowboarden zu können?

Bevor ich in diesesThema einsteige, möchte ich aber noch einen kleinen Denkanstoß an all die Freunde und Freundinnen geben, die während solcher Reisen zuhause bleiben müssen. Esist eine Frage an all die, die in der Regel den gesamten Reisetrupp mit ihren Kontrollanrufen, WhatsApp-Nachrichten oder ihrem Facebook-Terror penetrieren und in der Regel rein gar nichts mit ihrer anstrengenden Art während eines solchen Trips bewegen können, außer vielleicht eine höhere Telefonrechnung. Denn Hand auf’s Herz, würdet ihr eurer Freundin ernsthaft ins Gesicht sagen, dass sie dick geworden ist, wenn sie euch fragt, ob sie zugenommen hat? Oder würdet ihr eurem Freund sagen, dass ihr ihn nicht mehr liebt, wenn er euch fragt, ob ihr ihn noch liebhabt? Die Antwort lautet mit Sicherheit: Nein. Und so werdet ihr – egal wie hoch euer Kontrolleinsatz auch sein mag – eure Freundinnen und Freunde on the Road nicht kontrollieren können. Warum müsst ihr das überhaupt? Habt ihr kein Vertrauen in euren Partner oder habt ihr am Ende kein Vertrauen in euch selbst und projiziert diese Schwäche auf euren Partner, der sich weit weg von euch befindet?

Die gute Nachricht zuerst: Nicht jeder Mensch, egal ob Mann oder Frau, durchläuft auf Reisen eine Veränderung hin zu einem sexwütigen Monster. Im Gegenteil, diese Spezies gibt es nicht, wenn es sie nicht schon zuvor gegeben hat, aber um diesen Typ Menschen geht es hier nicht. Die weniger gute Nachricht lautet allerdings, dass es keinem Menschen an der Nasenspitze abzulesen ist, ob er beim Zusammenspiel verschiedener Faktoren die Kontrolle über sich selbst verliert und plötzlich vom Musterschwiegersohn/tochter zum Abenteurer/in mutiert oder sich von etwas Aufregendem in ein Abenteuer ziehen lässt. Man erzählt sich Geschichten von wilden Orgien, den Gegensätzen, die sich vor allem auf Reisen bekanntlich anziehen und den ausgelassen Partys fernab der Heimat, an welchen nicht selten berauscht der Joker des Fremdenbonus ausgespielt wird und man den Alltag für einen knisternden Augenblick gerne vorübergehend vergisst. All diese Geschichten gibt es tatsächlich, aber sie sind weit davon entfernt, dass man jede reisende Snowboarderin und reisenden Snowboarder unter Generalverdacht stellen darf.

Manchmal lockt die Fremde... | © blick.ch
Manchmal lockt die Fremde… | © blick.ch

Die in unserer Gesellschaft gelebte Monogamie wird in vielen anderen Teilen unserer Erde belächelt. Und solche Geschichten von „on the road“ scheinen diesen Kulturen recht zu geben?! Ich denke allerdings, auch hier gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern nur unterschiedlich vorgegebene Idealbilder, die in den verschiedenen Gesellschaften installiert wurden und dadurch in unserem alltäglichen Leben fest verankert sind. Und genau hier liegt wahrscheinlich der Casus knacksus dieser unendlich großen Angst, dass der Partner unterwegs per Seitensprung von der gemeinsamen gelebten Straße abkommen könnte. Reisende sind Grenzgänger. Menschen, die zwischen Kulturen, gesellschaftlichen Vorgaben und der absolutenFreiheit hin und her pendeln. Da verwundert es doch kaum, dass unterwegs unverhoffte Situationen eintreten können, die einen Teil unserer Menschlichkeit ansprechen, den wir imAlltag ausblenden müssen. Gefühle, die wir nicht verstehen, weil wir sie nie ausprobiert und gelebt haben. Nicht umsonst sagt man dem Reisen auch nach, es sei die beste Lebensschule, besser und lehrreicher als jedes Studium. Bevor ich jetzt hier völlig missverstanden und als Hassprediger gegen unsere gesellschaftlichen Beziehungswerte gelyncht werde, höre ich lieber auf und gebe euch noch Folgendes mit auf den Weg: Wir alle sind letztlich Kinder. Je mehr wir kontrolliert werden, desto größer wird unser Drang, aus dieser Kontrolle auszubrechen. In diesem Sinne vertraut euch, lasst euch beim Reisen frei und seht von Dingen ab, die ihr als Partner andersherum in einer Beziehung auch nicht erleben wollt. Für alles andere gilt: What happens on the road, stays on the road!

aus: Prime Snowboarding Magazine #09

Vorheriger ArtikelSnowpark Damüls – More good times with Lukas Ellensohn
Nächster ArtikelNine Knights, Nine Queens, Nine Royals – Die Geschichte dahinter