B-Ebene: Tobi Hartmuth

Snowboarden war noch vor 10 Jahren vom zeitgenössichen Spitzensport in etwa so weit entfernt wie Ottfried Fischer von einer Goldmedallie im Staabhochsprung. Dennoch leisteten autodidaktische Snowboarder unglaubliches und die Szene hatte viele herausragende Fahrer, um die ein wahnsinniger Personenkult entstanden ist.

Es gab aber auch andere, die locker das Zeug für die erste Riege gehabt hätten, die aber weitläufig unter dem Radar blieben. Wir bieten diesen Fahrern nun eine Plattform in unserer neuen Serie „B-Ebene“.

Heute in der B-Ebene: Tobi Hartmuth

Tobi Hartmuth ist im Großraum München aufgewachsen und hat sich vor allem mit starkem Rail-Game einen Namen in der europäischen Snowboardszene gemacht. Was der Wahl-Allgäuer von Snowboard-Coaches hält, wie sein perfekter Contest aussehen würde und wie ein guter Suff eine Snowboard Karriere pushen kann, hat er uns im Interview erzählt.

Du bist nördlich von München aufgewachsen, nicht unbedingt nahe an den Skigebieten. Es gab schon früher verhältnismäßig viele Pros, die aus dem Münchner Umland kamen (zb. Benedek, Schmidt, Mittermüller). Woran liegt das? Hattet ihr mehr Hunger als die Kids direkt aus den Bergen?
Je knapper, desto begehrter! Was Supreme verwendet, um einen Hype aufzubauen, hat bei uns genau so gewirkt. Ich war maximal 10 Tage pro Jahr Snowboarden und entsprechend groß war die Vorfreude. Klar, um richtig gut zu werden, braucht es schon mehr Tage in den Bergen, aber die Motivation ist einfach viel höher, wenn Snowboarden nicht jeden Tag verfügbar ist. Eigentlich nutze ich diese Taktik heute auch noch: Immer ein bisschen begrenzen (durch meinen Job ja sowieso) damit die Motivation hoch bleibt.

Mittlerweile im Allgäu angekommen. Tobi Hartmuth in Nesselwang. ©Lorenz Holder

Dein Name ist in der Core Szene bekannt. Du fährst seit langer Zeit für Rome Snowboards, Skatedeluxe Skateshop, Antix Headwear und Volcom. Wieso hat es nie für den ganz großen Wurf gereicht? Hättest du es überhaupt gewollt, deine Leidenschaft zum Beruf zu machen?
Was ist der große Wurf? Jeden Tag Snowboarden zu können und keinerlei Verpflichtungen zu haben? Ich habs geschafft! Pro zu sein ist ja ziemlich unrealistisch. Wie viele gibt es in Deutschland die wirklich ohne Mama oder Geld vom Staat vom Snowboarden leben? 2? Ich wollte lediglich einen Shop Sponsor finden, damit ich günstiger einkaufen kann. Nach einem Trip nach Bear Mountain habe ich einige richtig gute Angebote bekommen und bin zu Forum Snowboards gegangen. Leider wurde die Firma ein paar Monate später eingestellt und damit war das Thema „Nur Snowboarden“ für mich erledigt. Früher musste man für die guten Deals vor allem zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Leuten saufen gehen. Ich war immer lieber früh im Bett und am nächsten Tag Snowboarden. Heutzutage hilft ein guter Instagram Bot der dich auf 10.000 Follower pusht. Außerdem gehört viel Glück und gutes Timing dazu, was ich ja auch hatte: Mit Rome bekomme ich die besten Bindungen die auf dem Markt sind und habe eine große Auswahl an Top Snowboards, Boots und Handschuhen. Klamotten bekomme ich von Volcom und Skatedeluxe und Antix Headwear versorgt mich mit Mützen.

Tom „Beckna“ Eberhardter bezeichnete Pro Snowboarder mal als billige „Industrie Huren“. Kommentiere!
Eine gewisse Arschkriecherei ist schon immer dabei wenn man etwas von den Sponsoren möchte. Da der Wert eines Sponsorships für die Firmen extrem schwer messbar ist, bleibt man immer in einer Unsicherheit, ob die Verantwortlichen bei der Firma zufrieden sind. Insofern hat er recht mit der Hure: Man macht mit einem Geldgeber etwas aus, hängt sich ins Zeug und ob der Kunde später davon einen Orgasmus bekommt, ist fraglich.

Bei solchen Bildern bekommen wir auf jeden Fall einen Orgasmus – und Rome vermutlich auch  © Steffen Vollert

Du bist in einer Generation aufgewachsen, wo Snowboarden noch so Verbandsfern war, wie Saudi-Arabien vom Eintritt in die europäische Union. Heute bekommt gefühlt jedes Kid am Berg von einem Coach eingetrichtert, wie man Snowboarden soll. Einerseits ist das Niveau heute extrem hoch, bezahlt wird dies mit dem Verlust des Styles. Was hältst du von dieser Entwicklung?
Ich sehe keinen Verlust des Styles! Aus den Sportschulen kommt ein ganzer Haufen Leute, die einen eigenen Style haben. Selbst Lucas Baume war im Internat mit Coach. Ohne Coach ist es einfach verdammt schwer, besser zu werden. Egal ob es dein großer Bruder ist, dein talentierterer Kumpel oder jemand, der von einem Skiverband Geld bekommt. So groß ist der Unterschied zwischen uns und den Kader Leuten jetzt nicht. Wir stehen halt vor einem Rail und einer schlägt einen Trick vor und im Kader steht da der Trainer und sagt dir was ansteht. Ob du dich pushen lässt und den Trick probierst oder nicht, bleibt dir ja in beiden Fällen selbst überlassen. In dem Moment, in dem du los fährst, ist es deine eigene Entscheidung. Und wenn jemand bei Sturmböen eine Arschbombe in die Eislandung setzt nur weil 5 Ringe an der Seite vom Kicker kleben, dann war es einfach 2 Sekunden vorher die eigene Entscheidung, auf den Kicker abzubiegen und nicht vorbei zu fahren. Genau die gleiche Entscheidung muss man vor einen Street Rail oder einem harten Powder Hang treffen: Ist es mir das wert? Es gibt ja auch genügend Ausreißer aus den Sportschulen, welche die Tipps mitnehmen und mit diesem Sprungbrett ihr eigenes Ding machen.

Auf der nächsten Seite erfahrt ihr, wie das beste Competition Format für Tobi Hartmuth aussieht.