Die meisten Lawinenunglücke passieren in Pistennähe. In dieser Rubrik wollen wir euch mit dem Thema Lawinen vertraut machen, um das Bewusstsein für den sicheren Fahrspaß abseits der Pisten zu schärfen.

Die Lawinenausrüstung – Basis für den Ritt ins tiefe Weiss

LVS-Geräte bieten die einzige reelle Chance, einen Verschütteten schnell und somit auch lebendig zu retten. Um das zu gewährleisten, müsst ihr den Umgang mit diesem essenziellen Gerät im Schlaf beherrschen. Das Handling muss von erfahrenen Freeridern erlernt werden, oder besser noch beim Besuch eines Lawinencamps.

Ortovox Zoom LVS-Gerät | © Ortovox
Ortovox Zoom LVS-Gerät | © Ortovox

Drei-Antennen-Geräte sind heute absoluter Standard, es gibt allerdings auch Vier-Antennen-Geräte. Diese kleinen Lebensretter zeigen sowohl Richtung als auch Entfernung zu der verschütteten Person an – Informationen, die im Ernstfall wertvolle Zeit sparen und Leben retten können. Spart also nicht am falschen Ende und greift beim Kauf zu einem digitalen Gerät mit mindestens drei Antennen!

Was macht ein gutes LVS-Gerät aus?

Zwei weitere Kriterien sollte das LVS-Gerät zusätzlich erfüllen. Gute Lesbarkeit des Displays sowie eine einfache Bedienung auch mit Handschuhen. Das Handling muss intuitiv  funktionieren, da ihr im Ernstfall unter Stress und Schock steht. Alle Hersteller von LVS-Geräten verfolgen dabei eigene Bedienungskonzepte, die ihr vor Ort im Laden ausgiebig vor dem Kauf testen müsst. Das Gerät, mit dem ihr am besten zurechtkommt, solltet ihr auch kaufen. Egal, ob es 50 Euro mehr kostet, denn hier geht es nicht Schnäppchen, sondern um lebensrettende Unterstützung im Ernstfall.

Idealerweise sind alle Bedienelemente, vor allem aber die Umschaltung von Senden auf Suchen, eindeutig mit einer Funktion belegt. Dadurch werden Verwechslungen oder Fehlbedienungen unter Stress ausgeschlossen. Obwohl wir euch wünschen, dass euer LVS-Gerät nie im Ernstfall zum Einsatz kommt, solltet ihr immer dran denken: Übung macht den Meister!

WICHTIG!

  • Vor dem Powdern müsst ihr den Batterie-Stand checken. Ab 60 Prozent Leistung müssen die Batterien ausgewechselt werden.
  • Vor jedem Run schaltet eine Person aus eurer Gruppe das LVS auf „Suchen“ um. Anschließend gehen alle anderen Personen einzeln an dieser Person vorbei. Schlägt das Gerät bei einer Person nicht an, ist das LVS entweder noch ausgeschaltet, die Batterien leer oder das Gerät ist defekt. Besitzer eines nicht funktionstüchtigen LVS-Gerätes dürfen nicht mit ins Backcountry.

Neben dem LVS-Gerät dürfen Sonde und Schaufel in keiner Freeride-Ausrüstung fehlen. Ist es doch ziemlich unkollegial, wenn man das LVS schön unter der Jacke mit sich trägt und im Falle der Selbstverschüttung gefunden werden kann. Andersherum man aber bei der Verschüttung eines Kollegen nicht helfen kann. Außerdem ist es praktisch, wenn du gleich alles dabeihast, was du zum Kicker-Bau benötigst. Die Schaufel zum Shapen und die Sonde, um zu checken, ob sich nicht doch Steine in der Landung verbergen.

Ortovox Kodiak 3.1 Schaufel | © Ortovox
Ortovox Kodiak 3.1 Schaufel | © Ortovox

Bei beiden Utensilien gilt, Stabilität ist das A und O! Vor allem bei der Schaufel. Schnee kann mitunter ein sehr widerspenstiges, hartes und schweres Material sein, insbesondere im Auslauf einer Lawine. Beim Graben wirken ohnehin große Hebelkräfte auf das Schaufelblatt ein, sodass eigentlich nur Metall oder Carbon für das Schaufelblatt in Frage kommen. Plastikschaufeln helfen dir vielleicht beim Bau einer Schneebar auf deiner Terrasse zum geselligen Glühweinumtrunk, aber nicht im Ernstfall.

Der Stiel sollte wie ein Teleskop ausziehbar sein. Das kommt dir erstens beim Schaufeln durch verbesserte Hebelwirkung zugute, aber auch beim Verstauen im Rucksack. Die Lawinenschaufel sollte in zwei Teile zerlegbar sein, damit ihr sie komplett im Rucksack verstauen könnt. Ein vernünftiger und stabiler Griff rundet eine gute Lawinenschaufel ab.

Auch bei der Sonde solltet ihr auf gute Verarbeitung achten. Finger weg von klapprigen Modellen, die so aussehen, als würden sie vor dem Zusammenbau schon in ihre Einzelteile zerfallen. Um möglichst hohe Qualität zu gewährleisten, verwenden die meisten Hersteller Kunststoff , Carbon oder Aluminium. Auch in der Länge variieren die Modelle. Eine  Mindestlänge kann man nicht bestimmen, da die Verschüttungstiefe bei einem Lawinenunglück variiert. Als Faustregel empfehlen wir dennoch eine Mindestlänge von 2,40 Metern.

Ortovox Lawinensonde 240 Carbon | © Ortovox
Ortovox Lawinensonde 240 Carbon | © Ortovox

Dass Piepser, Schaufel und Sonde zu jedem Ausritt ins Gelände dazugehören wie das Glücksmoment nach einer sensationellen Tiefschneeabfahrt, hat inzwischen auch der letzte Snowboarder verstanden. Neben dieser erfreulichen Entwicklung etablieren sich zunehmend auch Lawinenrucksäcke. Als klassische Lawinenrucksäcke werden in erster Linie die Airbag-Rucksäcke bezeichnet.

Mammut Pro Short Removable Airbag 3.0 | © Mammut
Mammut Pro Short Removable Airbag 3.0 | © Mammut

Nach der Betätigung des Auslösers füllen sich binnen Sekunden ein oder zwei Luftkissen und treten aus dem Rucksack aus. Diese circa 150 Liter fassenden Luftkissen vergrößern die Oberfläche deines Körpers. Denn es ist nicht die im Airbag enthaltene Luft, die dich wie eine Schwimmweste an der Oberfläche hält. Es ist der so genannte Paranuss-Effekt, zu beobachten in der Müsli-Packung, der dir womöglich das Leben retten kann.

Mammut Pro Short Removable Airbag 3.0
Mammut Pro Short Removable Airbag 3.0 | © Mammut

Bei Airbag-Rucksäcken empfehlen wir die Verwendung von Becken- und Brustgurt dringend. Der teure Airbag nützt nichts, wenn er nicht fest mit euch verbunden ist. Die mechanischen Kräfte, die bei einem Lawinenabgang auf euch einwirken, sind gewaltig und können euch den Rucksack und sogar eure Jacke rauben.

Vor- und Nachteile der beiden Systeme bei Lawinenrucksäcken

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen zwei Systemen. Zum einen die Modelle, bei denen nach dem Zug am Auslösegriff eine Gaskartusche angestochen wird und zum anderen die batteriebetriebenen Modelle. Hier erfolgt die Zündung durch einen elektronischen Impuls. Nach dem Zug am Griff wird ein elektronisches Signal an eine Batterie gesendet, die eine Hochleistungsturbine antreibt.

Im Gegensatz zu anderen Systemen wird hier also auf ein Gasgemisch verzichtet und stattdessen auf ein elektronisches System sowie eine Turbine gesetzt. Der große Vorteil dieses Systems ist, dass ihr das Auslösen eures Airbags üben könnt, ohne eine neue Kartusche kaufen zu müssen. Auch bei eisigen Temperaturen lassen die Batterien bis zu vier Auslösungen zu.

Vorbereitung & Verhaltensregeln

Wissen ist Macht. Für uns Freerider bedeutet das, dass nur derjenige an den besten Spots fahren kann, der sich mit der Problematik von Lawinen intensiv auseinandergesetzt und diese auch verstanden hat. Für Einsteiger führt also an entsprechenden Camps kein Weg vorbei – und schon gar nicht, wenn diese wie z.B. von SAAC, kostenlos angeboten werden. Diese, für jeden Freeride-Beginner essenziellen Kurse, vermitteln Basiswissen, das unter keinen Umständen als Freifahrtschein im offenen Gelände verstanden werden darf. Vielmehr geht es darum, die erlernten Kenntnisse im Anschluss zu vertiefen und immer wieder zu trainieren.

Anders als die meisten von euch vielleicht denken, fängt die Vorbereitung für euren Tiefschneeausflug bereits zu Hause mit einem Blick auf den Wetterbericht an. Denn bei Sturm, massiven Niederschlägen oder schlechter Sicht ist das offene Gelände tabu! Wetter-Informationsseiten gibt es viele, wie z.B. alpenverein.at.

Nach dem Wettercheck folgt Schritt zwei der Vorbereitung: der Lawinencheck z.B. auf www.avalanches.org im Internet. Dort findet ihr die tagesaktuellen Lawinenlageberichte für alle Regionen sowie alle weiteren wichtigen Informationen, die für eure Planung nützlich sind.

Gefahrenstufen
Gefahrenstufen

Die Lawinengefahrstufe wird auf einer Skala von eins bis fünf bewertet. Dabei steht die Fünf für sehr große Lawinengefahr und die Eins für geringes Risiko. Neben der unmissverständlichen Kenngröße dieser Warnstufen wird die aktuelle Lawinensituation in den jeweiligen Gebieten beschrieben. Die Interpretation dieser Texte und Skalen verlangt etwas Übung, bis sie bei euch in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Zu guter Letzt, wenn das Wetter und die Lawinenwarnstufe einen Ausritt in den Powder erlauben, müsst ihr noch eure Ausrüstung kontrollieren. Dass LVS, Rucksack, Schaufel und Sonde lebensnotwendig sind, haben wir euch ja schon im ersten Teil erklärt. Ein Blick auf die Batterieanzeige eures LVS-Gerätes ist Pflicht! Denn ohne Saft bringt euch das beste Gerät nichts.

Ungünstige Expositionen
Ungünstige Expositionen

Die Entscheidung am Berg, ob ihr in einen Hang einfahrt oder nicht, nimmt euch letztlich niemand ab, es sei denn, ihr seid mit einem Bergführer unterwegs. Nur wer sein Wissen auf die lokalen Bedingungen übertragen kann, hat eine Chance, die Lawinensituation optimal einschätzen zu können. Im einzelnen gilt es jetzt Hangneigung, Höhenlage und Exposition zu bestimmen. Diese drei Faktoren lassen sich im Gegensatz zu den vielen anderen Einflüssen messen. Habt ihr die notwendigen Daten gesammelt, wird es schwieriger. Ihr müsst nun die unterschiedlichen Zeichen deuten, die Wind und Temperaturverlauf im Hang vor euch hinterlassen haben. Und dem nicht genug, ihr müsst all diese Daten noch zum Lawinenlagebericht in Relation setzen. Hierfür gibt es unterschiedliche Strategien, die euch bei dieser schwierigen Aufgabe helfen. Diese nutzen euch aber nur, wenn ihr sie immer wieder trocken übt. Nur dann können sie euch vor Gefahren schützen.

DAV-Snowcard
DAV-Snowcard

Deutlich einfacher sind da die Alternativen der DAV Snowcard oder des „Check and Ride“ von Ortovox. Beide Varianten unterstützen euch bei der Klärung der Frage, ob ihr gefahrlos den vor euch liegenden Hang befahren könnt oder nicht, wobei die Handhabung wirklich einfach ist. Dennoch können sie niemals als Alternative zur intensiven Beschäftigung mit der Lawinenthematik herangezogen werden.

Zum Schluss geht es um euer Verhalten während der Abfahrt, das die meisten Risiken für Lawinenabgänge birgt. Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang das Wort „Gruppendynamik“ auf. Es ist schwer, „nein“ zu dir selbst oder zu deinen Kumpels zu sagen, wenn vor euch ein unberührter in der Sonne glitzernder Hang liegt! Aber sind die Voraussetzungen nicht gegeben, vertraut auf euren Verstand und euer Bauchgefühl und winkt lieber ab. Habt ihr euch aber auf einen Hang geeinigt, den ihr fahren wollt, gibt es die folgenden Punkte zu beachten.

EAWS - Lawinenwarndienst
EAWS – Lawinenwarndienst

Eine Grundregel des Freeridens zum Beispiel besagt, nie alleine im Gelände unterwegs zu sein. Nicht nur, weil im Falle einer Verschüttung die Kameraden die einzigen sind, die einem eine reelle Überlebenschance bieten können, sondern auch weil im freien Gelände abends keine Pistenkontrolle prüft, ob ein Sportler mit einem gebrochenen Bein liegen geblieben ist. Auch wenn ihr im alpinen Gelände nie alleine unterwegs sein solltet, müsst ihr trotzdem oft einzeln fahren. Und zwar dann, wenn ein Hang steiler als 35° ist.

Die Strategie besagt: Einzeln fahren bis zu einem sicheren Sammelpunkt. Nicht, weil bei einer eventuellen Verschüttung weniger Personen betroffen wären, sondern weil vor allem ein einzelner Snowboarder die Schneedecke geringer belastet als eine Gruppe. Hänge unter 35° Steilheit werden mit 50 m Abstand befahren. Ein weiterer wichtiger Punkt besagt: Gefahrenstufe rauf – Steilheit runter! Das bedeutet, dass bei Lawinengefahrenstufe 2 keine Hänge steiler als 40°, bei Gefahrenstufe 3 keine Hänge steiler als 35° und bei Gefahrenstufe 4 keine Hänge steiler als 30° befahren werden sollten.

Jetzt habt ihr schon beinahe alle Risiken abgearbeitet – nun bleibt nur noch ihr selbst übrig. Wählt also eure Line gemäß dem Level, auf dem ihr euch befindet, und fahrt nicht einfach wild drauf los. Macht strategisch sichere Etappentreffpunkte aus. Bestimmt eine Person, die als letztes fährt und somit helfen kann, falls etwas außerplanmäßiges passieren sollte.

Wer diese einfachen, aber wichtigen Grundregeln befolgt, reduziert sein Risiko im Gelände beachtlich. Natürlich braucht es viel Zeit, um ein Lawinenexperte zu werden, aber wie heißt es doch gleich: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Sicherheitsmanagement

Was können wir also zusätzlich tun, um das sogenannte Restrisiko optimal einzuschätzen? Fakt ist, das nie alles 100 %-ig sicher ist! Denn abseits der Pisten kann sich die Gefahr eine Lawine auszulösen innerhalb von nur wenigen Metern drastisch verändern, dass selbst unserer wichtigstes Instrument – der Lawinenlagebericht – an seine Grenzen stößt. Auf Grund seiner Allgemeingültigkeit und der Abdeckung eines riesigen Gebiets, kann dieser Bericht nur einen ersten und ungenauen Anhaltspunkt für euch bieten. Örtliche Besonderheiten und Abweichungen im Wettergeschehen können mit ihm nicht erfasst werden. Ihr müsst also lernen, die täglich aktualisierten Informationen des Lawinenlageberichtes so zu lesen, dass ihr diese situativ auf das von euch ausgewählte Terrain auslegen könnt. Das ist nicht ganz einfach und kann euch nur von Profis beigebracht werden. Dennoch wollen wir euch hier einen ersten Einblick in die Materie geben. Der Lawinenlagebericht entsteht durch Beobachtungen und Messungen an zahlreichen Stationen im Alpenraum und beinhaltet die gesammelten Informationen vereinfacht und zur Ansicht aufbereitet.

Es ist wichtig, dass ihr die Technik, die euch heute zur Verfügung steht, auch einzusetzen wisst
Es ist wichtig, dass ihr die Technik, die euch heute zur Verfügung steht, auch einzusetzen wisst

Neben der Angabe der aktuellen Lawinengefahr von gering (1) bis sehr hoch (5), besteht der Lawinenlagebericht meist aus drei Blöcken. In diesen drei Teilen bekommt ihr einen Überblick über das Wetter der letzten Tage sowie eine Prognose für die kommenden Tage. Zusätzlich könnt ihr euch über den Aufbau der Schneedecke und etwaige Neuschneemengen informieren. Neben der aktuellen Warnstufe ist für uns Freerider der Absatz über die Beurteilung der Lawinengefahr in den sogenannten „Kernzonen“ von größter Wichtigkeit. Hier werden die kritischen Höhen, Hangneigungen und Expositionen angegeben, bei denen es am ehesten zu einer Auslösung einer Lawine kommen könnte – und welche Last dafür nötig sein würde. Es ist also die Frage zu klären, ob sich bestimmte Hänge durch unsere Störung beim Ritt ins Tal lösen, oder ob sie eine Person oder eine ganze Gruppe tragen würden. Wenn wir auf genau diese Gefahrenstellen verzichten und uns an die Vorgaben dieser Auswertung halten, sind wir schon aus dem Gröbsten raus. Leider sind viel zu oft genau die Hänge im Lawinenlagebericht zur „Persona non Grata“ erklärt worden. Freeriden ist auch jetzt noch möglich, aber nur unter Vorsichtsmaßnahmen: Vermeidung von Hängen steiler als 30°, Umgehen von Triebschneeansammlungen, möglichst nur auf viel befahrene Hänge beschränken und natürlich einzeln fahren.

Für Freerider sind vor allem Schneebrettlawinen gefährlich, weil sich dabei auf einen Schlag ein ganzer Hang in Bewegung setzt. Und das keinesfalls nur unterhalb des Auslösers. Ein Schneebrett ist eine gebundene Schneeschicht. Das heißt aber nicht, dass man auf einem Schneebrett stehen kann. Ein Schneebrett kann sehr weich sein, trotzdem haben die Schneekristalle einen Zusammenhalt. Um die Lawine nun auslösen zu können, muss eine Spannung zwischen dem Schneebrett und der Unterlage – meist die alte Schneeoberfläche – vorhanden sein. Die Spannung entsteht, da sich der frisch gefallene Schnee unter dem Einfluss der Schwerkraft stärker den Hang hinab bewegt als der schon gesetzte Altschnee. Weil aber gleichzeitig der Schnee auf der Schichtgrenze zwischen altem und neuem Schnee nicht rutscht, entsteht dort eine Spannung. Ist die Verbindung an dieser Schichtgrenze schwach – man spricht etwas verwirrend von Schwachschicht –, besteht die Gefahr, dass diese Verbindung abreißt. Die Lawine löst sich. Dazu muss man wissen, dass die Verbindung nie in einem ganzen Hang gleich ist. Gefährlich sind Hänge, in denen es viele schwache Zonen gibt, aber auch genügend starke, die den Hang noch halten. Trennt ihr mit eurem Board zu viele dieser Brücken, kann das Gleichgewicht kippen. Und was lernen wir daraus? Steile Hänge sind gefährlicher als flache, weil die Schwerkraft an steileren Hängen stärker auf den Schnee wirkt und deshalb größere Spannungen entstehen. Die Verbindungsschicht stören wir als Snowboarder vor allem dann, wenn wir aktiv auf sie einwirken. Landungen nach Sprüngen und Stürze sind also gefährlich. Ebenso der Übergang von viel zu wenig Schnee, weil man dabei leichter die Schichtgrenze berührt.

Der Vorteil des ausgedruckten Berichts ist, dass er euch nicht abstürzen oder wegen schlechtem Empfang laden kann
Der Vorteil des ausgedruckten Berichts ist, dass er euch nicht abstürzen oder wegen schlechtem Empfang laden kann

Bei dicken Schneeschichten bleiben wir bei unserem Run häufig oberhalb der Schichtgrenze und belasten sie entsprechend weniger, da sich der Druck besser im Schnee verteilt. Triebschnee – das ist vom Wind verfrachteter Schnee – ist gefährlich, weil sich die vom Wind rund geschliffenen Kristalle besser verbinden als normale Schneekristalle. Je größer die Bindung in einer Schneeschicht, desto größere Spannungen können sich aufbauen. Viel befahrene Hänge sind dagegen weniger gefährlich, da sich kaum schwache Schichtgrenzen ausbilden, wenn ein Hang nach jedem Schneefall umgepflügt wird. Wichtige Indizien für Schneeverfrachtungen sind z.B. Wechten, Windgangeln oder wellenförmige Schneeoberflächen. Unterhalb von Wechten liegen so gut wie immer Triebschneeansammlungen, die teilweise sehr dick werden können. Durch ihr großes Gewicht können sie besonders gefährlich sein. Neben Wind und Steilheit spielt auch der Faktor „Zeit“ eine maßgebliche Rolle bei eurer Einschätzung, Schnee verändert sich. Das ist offensichtlich im Frühjahr, wenn es tagsüber taut und nachts gefriert. Aber auch wenn man es nicht sieht, ändert sich mit der Zeit die Schneedecke. In der Regel werden Schichtgrenzen dann stärker, in Ausnahmen auch mal schwächer. Grundsätzlich finden die Prozesse, die zur Verbesserung der Bindung führen, aber eher in Sonnenhängen statt. Nordhänge sind daher tendenziell gefährlicher, weil sich hier Schwachschichten lange halten. In den Alpen weht vor allem Westwind, wodurch Osthänge am meisten Triebschnee aufbauen und somit Lawinenabgänge in Nordosthängen am häufigsten stattfinden. Um nun einen einzelnen Hang zu beurteilen, gibt es mehrere effektive Systeme, welche die genannten Faktoren in Betracht ziehen. Zu empfehlen ist vor allem die 3×3-Methode von Werner Munter.

Schneekunde

Den Aufbau einer Schneedecke kann man grob mit einer Lasagne vergleichen. Mit jedem Schneefall kommt eine neue Schicht hinzu, die dann von den sich permanent wechselnden Wetterverhältnissen verformt wird – bzw. können sich auch mehrere Lagen zeitgleich verändern. Und dies auf ganz individuelle Art und Weise, da an zwei unterschiedlichen Orten so gut wie nie exakt die gleichen Klimabedingungen herrschen können. Ähnlich wie Jahresringe bei Bäumen spiegeln die übereinander liegenden Schneeschichten die Historie des gesamten Winters wider. Diese charakteristischen und räumlich begrenzten „Aufzeichnungen“ des Wetters lassen sehr genaue Beurteilungen der aktuellen Lawinen-Situation zu und erlauben sogar einen Blick in die Zukunft – sofern das prognostizierte Bergwetter dann auch tatsächlich so eintreten sollte.

Wie kommt es aber nun zu diesen horizontalen Schichten, die uns wie in einem Buch über sich lesen lassen? Es leuchtet sicher jedem ein, dass sich an der Schneeoberfläche das Wetter am stärksten auf deren Beschaffenheit auswirkt. Hier sind die Einflüsse durch Temperaturunterschiede, Wind und Wärmeabstrahlung bei eisigen Nächten am meisten ausgeprägt. Beim nächsten Schneefall wird diese, zuvor oben liegende Schicht, dann eingeschneit und somit „konserviert“ – natürlich nicht ganz, denn die Prozesse kommen hier nur selten komplett zum Erliegen, sondern laufen einfach deutlich langsamer ab. Wenn wir also die klimatischen Bedingungen vor dem letzten Schneefall und die Historie der tiefer liegenden Schichten kennen, können wir die lokale Lawinengefahr erstaunlich genau beurteilen, sofern wir die Fähigkeit besitzen, das Schneeprofil lesen und verstehen zu können. Das zu erlangen ist ein nie endender Prozess und bedarf viel Übung. Wir wollen euch hier einen groben Überblick vermitteln, welche Mechanismen sich im Schnee abspielen und ihn umwandeln, nachdem er vom Himmel gefallen ist.

Schneekristalle rieseln immer in ihrer sechseckigen Grundstruktur vom Himmel – immer! Bei dicken Flocken haben sich lediglich mehrere dieser hexagonalen Formen ineinander verkeilt. Schon während des Falls, aber spätestens wenn sie auf  den Boden treffen, nagen physikalische Prozesse an ihrer Geometrie. Wenn keine großen Temperaturdifferenzen zwischen Boden, Schneedecke und Umgebungsluft herrschen und die Temperatur zwischen 0°C und -10°C liegt, „schmelzen“ die spitzen Strukturen der Kristalle von außen nach innen sukzessive ab, bis nach Tagen oder Wochen die Verästelungen komplett verloren gegangen und ein amorphes Gebilde zurückgeblieben ist. Wir sprechen von einer „abbauenden Umwandlung“.

Abbauende Umwandlung
Abbauende Umwandlung

Verantwortlich für dieses Phänomen ist die sogenannte Sublimation, also der Übergang von Eis in Wasserdampf. Und diese findet vermehrt an den Spitzen der einzelnen Kristalle statt. Letztlich führt sie dazu, dass auch benachbarte Schneekristalle zusammenwachsen und somit immer größere Verbindungen entstehen. Die Schneedecke wird niedriger, dichter und somit tragfähiger – gut für uns Freerider. Dieser Prozess wird im Lawinenlagebericht oft als ein „Setzen der Schneedecke“ bezeichnet. Da diese Verfestigung temperaturabhängig ist, versteht sich auch, dass die abbauende Umwandlung bei niedrigen Temperaturen langsamer voranschreitet. In Sonnen-abgewandten Nordhängen verzögert sich also diese positive Verfestigung.

Wer sich schon einmal mit der Lawinenproblematik auseinandergesetzt haben sollte, hat sicher schon vom „Wind, dem Baumeister der Lawine“ gelesen. Wie bei der abbauenden Umwandlung handelt es sich auch bei der Windumwandlung um eine destruktive Veränderung der Kristallstrukturen, die aber eine zwiespältige Wirkung erzielt. Durch Reibung werden hier die feinen Verästelungen abgebrochen und in windstille Bereiche (Leehänge, Rinnen, Mulden, etc.) verfrachtet. Dort türmt sich dann der sogenannte Triebschnee zu festen und kompakten Gebilden auf. Diese Schichten können durch das erhöhte Raumgewicht der zerkleinerten und aneinandergedrückten Schneekristalle schon nach kurzer Zeit eine enorme Tragkraft entwickeln. Das wäre jetzt grundsätzlich nicht negativ zu bewerten, doch leider ist die Verbindung zum Untergrund oftmals labil, was die Gefahr von Schneebrettern erhöht.

Eine Wechte ist ein deutliches Zeichen für Windumwandlung | © wetterdienst.de
Eine Wechte ist ein deutliches Zeichen für Windumwandlung | © wetterdienst.de

Es gibt aber eindeutige Zeichen wie Wechten, Windgangeln oder Anraum an ausgesetzten Objekten, die euch die Richtung, aus der Wind in den Hang geblasen hat, verraten. Wie ihr diese Spuren zu deuten habt, lernt ihr am besten im Gelände bei einem Camp oder von einem erfahrenen Freerider.

Die Schmelzumwandlung ist mit der abbauenden Umwandlung zu vergleichen, spielt sich aber oberhalb des Gefrierpunktes ab und ist mit einer Durchfeuchtung der Schneedecke verbunden. Durch Kapillarkräfte verklebt diese noch zu Beginn der Schmelze die Schneestruktur. Mit zunehmender Feuchtigkeit verliert die Schneedecke aber ihre Festigkeit und große schwere Nassschnee-Lawinen können sich auch ohne unser Zutun lösen. Ursachen für diesen Prozess sind hohe Temperaturen wie z.B. im Frühjahr, direkte Sonneneinstrahlung oder Regen. Sollte diese Schicht nach dem Tauwetter durch fallende Temperaturen erneut gefrieren, stabilisiert sich die Schneedecke wieder.

Schmelzumwandlung
Schmelzumwandlung

Dieses Phänomen kennen wir aus dem Frühjahr bei Firn-Abfahrten, wenn die nachts gefrorene Oberfläche in Südhängen vormittags langsam wieder auftaut. Wer sich daran hält, nicht in Bereiche zu fahren, die mit fortschreitender Tageszeit komplett aufgetaut sind, findet hier sehr sichere Verhältnisse vor, denn der feste „Deckel“ schirmt durch seine hohe Tragkraft labile, tieferliegende Schichten zuverlässig ab. Jetzt aber Achtung! Falls erneuter Schneefall den gefrorenen Deckel bedecken sollte, wird es richtig gefährlich, denn die Schneekristalle verbinden sich mit der eisigen Oberfläche nur sehr schlecht und begünstigen die Entstehung von Schneebrettern.

Im Gegensatz zu den letzten drei Prozessen, kommt die aufbauende Umwandlung konstruktiv daher. Diese Form ist äußerst komplex und würde den zur Verfügung stehenden Rahmen hier sprengen. Grundsätzlich beschreibt diese aber die Bildung von Oberflächenreif oder großer Kristallstrukturen an isolierenden Zwischenschichten innerhalb der Schneedecke. Verantwortlich dafür ist ein hohes Temperaturgefälle bei einer kleinen vertikalen Ausdehnung. Bodennaher Schnee verdunstet, steigt als Wasserdampf nach oben und kondensiert wieder, sobald er auf eine viel kältere Schicht trifft. Auf der Schneeoberfläche bildet sich dann Oberflächenreif. In der Schneedecke entstehen Köcherkristalle oder Schwimmschnee. Beide wirken durch ihre grobe Struktur wie Kugellager oder brechen gleich unter der Last der schweren Schneedecke zusammen – Schneebretter und mächtige Lawinen sind die Folge. Grundsätzlich gibt es drei markante Wettersituationen, die die aufbauende Umwandlung unterstützen. Eine relativ dünne Schneedecke im Frühwinter oder ein generell schneearmer Winter bei relativ großer Kälte; ein Temperatursturz mit wenig Neuschnee und nachfolgender Schönwetterperiode mit einhergehender Kälte; eine längere Schönwetterperiode mit kalten Nachttemperaturen und relativ warmen Tagestemperaturen.

Die SnowCard

Bislang haben wir euch recht viel Theorie zugemutet, damit ihr den notwendigen Wissensstand habt, um die komplizierten Zusammenhänge von Lawinen und dem strukturellen Aufbau der Schneedecke zu verstehen. Heute gehen wir aber endlich in die Praxis und geben euch mit der SnowCard ein leicht verständliches Tool an die Hand, das euch live im Backcountry zur Entscheidung verhelfen kann, ob euer Hang safe ist oder ihr besser auf eine unkritischere Variante ausweichen solltet oder gar müsst. Neben der einfachen Handhabung hat die SnowCard den entscheidenden Vorteil, dass jedem das gleiche Ergebnis zur Einschätzung der Lawinengefahr präsentiert wird, ganz egal wie viel Kenntnisse sich jemand über die gesamte Problematik angeeignet habt. Mit dieser Entscheidungshilfe gelangen also Freeride-Einsteiger zum gleichen Fazit – und somit zu einer klaren Aussage, ob ein Hang befahrbar ist oder nicht – wie Snowboarder, die schon seit Jahren durchs Gelände pflügen und sich immer wieder weitergebildet haben. Im Grunde genommen ist die SnowCard eine handliche Prismen-Karte, die durch Änderung des Betrachtungswinkels zwei unterschiedliche Grafiken sichtbar werden lässt – je eine Grafik für günstige und ungünstige Hangbereiche. Diese Handhabung bleibt für alle Nutzer vorerst gleich – Profis können lediglich durch einen höheren Wissensstand den Spielraum etwas erweitern, wenn sie zusätzliche Faktoren beim „Füttern“ der SnowCard heranziehen. Ungeübte übertragen lediglich die Informationen aus dem Lawinenlagebericht und den Begebenheiten vor Ort – also Hangneigung, -exposition und -form – auf die Prismenkarte und kommen somit zu einem konservativeren Ergebnis.

Alles fängt mit dem Lawinenlagebericht an. Wo ihr die internationale Gefahrenskala findet und was diese fünf Stufen zu bedeuten haben, wisst ihr ja bereits. Die aktuelle Stufe ist euer erster Faktor, den die SnowCard benötigt.

Mit Hilfe des Pendels lässt sich die Steilheite eines Hangs ermitteln
Mit Hilfe des Pendels lässt sich die Steilheite eines Hangs ermitteln

Als nächstes müsst ihr die Hangneigung ermitteln, die euren Run charakterisiert. Hierzu befindet sich ein Pendel an der SnowCard. Auf dem Board aufgesetzt zeigt euch dieses Lot die exakte Steilheit an dem Ort an, an dem ihr euch momentan befindet. Wichtig bei der Beurteilung ist aber die steilste Stelle eures Hanges. Wie ihr bereits wisst, erhöhen sich die Hangabtriebskräfte mit der Zunahme der Steilheit und somit vergrößert sich auch das Risiko einer Lawinenauslösung. Ihr müsst also auch das umgebende Gelände bei dieser Messung einbeziehen. Befindet sich beispielsweise über euch ein massiver Steilhang, so stellt dieser die wichtigste Messgröße dar.

Günstig oder ungünstig?
Günstig oder ungünstig?

Bislang musstet ihr euer Hirn nicht allzu sehr anstrengen, denn die ersten beiden Faktoren ließen sich ablesen beziehungsweise messen. Jetzt wird es aber etwas schwieriger, denn ihr müsst aus dem Lawinenlagebericht die Informationen filtern, die auf euren Hang zutreffen: Expositionen, Hangbereiche und Hangformen, die explizit als gefährlich ausgewiesen wurden. Diese stuft ihr folgerichtig als „ungünstig“ ein. Alle Bereiche, die nicht als gefährlich erwähnt wurden, dürft ihr hingegen als „günstig“ betrachten.

Nach dieser gedanklichen Meisterleistung könnt ihr wieder einen Gang zurückschalten, denn jetzt habt ihr alle „Daten“ erhoben und könnt auf der SnowCard quasi ablesen, ob ihr den Hang befahren dürft oder nicht. Die Steilheit gibt euch die entsprechende Zeile vor, der Gefahrengrad die Spalte. Somit habt ihr das komplette Diagramm der SnowCard auf genau ein Rechteck reduziert. Durch Kippen der Prismen-Karte könnt ihr nun zwischen den Risikoverteilungen von „günstig“ beziehungsweise „ungünstig“ wechseln und erhaltet für beide Varianten grüne, gelbe und rote Bereiche als Visualisierung eures durchschnittlichen Risikos.

Habt ihr alle Faktoren beachtet und den Hang richtig beurteilt, steht solchen Momenten nichts mehr im Weg
Habt ihr alle Faktoren beachtet und den Hang richtig beurteilt, steht solchen Momenten nichts mehr im Weg

Bei „grün“ steht eurem Powder-Run nichts im Wege und ihr könnt losfahren. Bei „gelb“ ist ist das Risiko etwas höher, aber immer noch realisierbar. Wenn ihr einzeln in den Hang droppt und genügend Abstände lasst, könnt ihr das Risiko eines Lawinenabgangs auf ein ausreichend sicheres Maß reduzieren. Bleibt schließlich noch „rot“. Solltet ihr euch in diesem Bereich befinden, lasst die Finger von diesem Hang. Auch wenn das mitunter schwer fällt, ist es doch meistens die richtige Entscheidung, damit ihr auch am nächsten Tag wieder unversehrt auf den Berg könnt. Komplett auf Powder zu verzichten ist keine Lösung – da sind wir uns einig oder? Darum ist es wichtig, dass ihr euch mit dieser ganzen Materie beschäftigt und wisst, was ihr im Gelände anstellt. Denn wie bereits oben erwähnt, können erfahrene Snowboarder mit ihrem Kenntnisstand den Spielraum der möglichen Runs etwas ausdehnen. Mit zunehmender Erfahrung ist die Differenzierung zwischen „günstig“ und „ungünstig“ viel feiner und detaillierter möglich.

Der Ernstfall

Okay, du hast alle Punkte des Risikomanagements gewissenhaft befolgt, dennoch erschüttert ein gewaltiges Grollen die Bergwelt um dich herum und schon treibst du auf einem riesigen Schneebrett gen Tal. Gehen wir von der Regel aus, dass du es nicht schaffst, seitlich oder mit einer filmreifen Straight-Line aus der Lawine zu fahren, du bist also mehr oder weniger deinem Schicksal ausgeliefert. Du kannst lediglich versuchen, deinen Airbag zu zünden, dich durch Schwimmbewegungen an der Oberfläche zu halten und die Orientierung nicht zu verlieren. Der Rest ist außerhalb deiner Macht und liegt auch in der Hand deiner Freunde bzw. an der Zeit, die sie dafür benötigen, um dich zu orten und auszugraben.

Aller Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz hat sich eine Lawine gelöst. Was nun? | © Lawinenwarndienst Tirol
Aller Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz hat sich eine Lawine gelöst. Was nun? | © Lawinenwarndienst Tirol

Denn ist das Schneebrett erst einmal zum Stillstand gekommen, kannst du deinen kleinen Finger nicht mehr bewegen. Wenn es irgendwie möglich ist, solltest du kurz vor Stillstand der Lawine mit deinen Armen und Händen eine Atemhöhle formen, bevor dich die Lawine „einbetoniert“. Das Zauberwort, welches deine Überlebenschance elementar steigert, heißt „Luft“! Ist die Lawine zum Stillstand kommen, hilft nur noch Ruhe zu bewahren und darauf zu hoffen, dass deine Crew einen guten und vor allem schnellen Job macht. Denn laut Statistik überleben 90 Prozent aller Verschütteten die ersten 15 Minuten. Man sollte bei der Bergung also nicht auf das Eintreffen der Bergrettung mit ihren Hunden warten, denn diese ist selten direkt nach dem Lawinenunglück vor Ort.

Gehen wir einmal davon aus, du hattest „Glück“ und die Lawine ist unterhalb von dir abgegangen. Jetzt kannst du die Geschehnisse selbst beeinflussen. Wie gesagt, ihr habt 15 Minuten. Innerhalb dieses Zeitfensters hat der Verschüttete eine Überlebenswahrscheinlichkeit von über 90 %, nach 30 Minuten nur noch rund 30 %. Die schnelle Kameradenhilfe ist also die einzig reelle Chance für den Verschütteten zu überleben. Ihr müsst diese Minuten sinnvoll nutzen. Also Ruhe bewahren! Durchzählen! Wie viele aus eurer Gruppe fehlen? Es fehlt genau einer aus eurer Gruppe. Wo habt ihr ihn das letzte Mal gesehen? Sprecht miteinander, nur so könnt ihr ungefähr den Lagepunkt des Opfers und den primären Suchbereich definieren. Vielleicht schaut ja doch noch eine Hand oder gar ein Kopf aus dem Schnee? Wenn nicht, müsst ihr schnell die Suche organisieren und loslegen. Bevor ihr hinunter zum Lawinenkegel abfahrt, vergewissert euch, ob die Lage inzwischen sicher ist und keine Folgelawinen zu erwarten sind.

Auch Pat Moore trainiert mit seinem LVS | © Red Bull Content Pool
Auch Pat Moore trainiert mit seinem LVS | © Red Bull Content Pool

In der Regel hat sich aber mit dem Abgang des Schneebretts die Gefahrensituation entspannt und ihr könnt mit der Rettung beginnen. Der Erfahrenste von euch sollte jetzt die Gruppe einteilen. Zuerst müssen alle ihre LVS-Geräte auf „Suchen“ stellen, um die Ortung nicht durch unnötige Sendesignale zu behindern. Im Falle einer Mehrfachverschüttung ist es wichtig, dass auch diejenigen immer wieder ihr LVS auf „Suchen“ stellen, die schon mit der Bergung des ersten Georteten beginnen, um nicht die Suche des nächsten Verschütteten durch ihr eigenes Signal durcheinander zu bringen. Vorher noch unbedingt die Bergwacht informieren. Der Rest holt Schaufel, Sonde und Erste-Hilfe-Kit aus dem Rucksack.

Seid ihr am Lawinenkegel angelangt, beginnt ihr mit der sogenannten Grobsuche, bis ihr ein Signal geortet habt, danach folgt die Feinsuche bis zu einer Distanz von wenigen Metern, in der das Suchsignal am stärksten ist, und schließlich folgt die Punktortung, zuerst noch mit dem dem LVS, dann mit der Sonde, bis ihr den genauen Verschüttungsort bestimmen konntet. Bei der Grobsuche bewegt ihr euch in Schlangenlinien vom Ende des Lawinenkegels des Lawinenfeldes bis zum Verschwindepunkt oder bis ihr das erste Signal empfangen habt. Ist der Lawinenkegel unterhalb von euch, beginnt ihr die Suche am Verschwindepunkt. Das LVS-Gerät wird während der Grobsuche waagerecht vor dem Körper im 120-Grad-Winkel hin- und hergeschwenkt. Bei mehreren Suchenden teilt ihr den Lawinenkegel in Suchstreifen auf. Die Distanz zwischen den Suchwegen sollte in keinem Fall mehr als 30 Meter betragen, der maximale Abstand zum Lawinenrand nicht mehr als fünfzehn Meter.

Quick Guide Verschüttetenrettung
Quick Guide Verschüttetenrettung

Ab dem Erstempfang eines Signals beginnt ihr mit der Feinsuche. Sobald das Signal empfangen wurde, darf das LVS-Gerät nicht mehr geschwenkt werden. Die so genannten Feldlinien – das sind Linien, entlang derer die Signalstärke am meisten zunimmt und die auf jeden Fall am Sender enden – führen nicht immer direkt, sondern oft auf einer Ellipsenbahn zum Verschütteten. Lasst euch davon nicht irritieren! Folgt bei Digitalgeräten einfach der Anzeige oder bei alten Analoggeräten der Richtung, in der das Signal stärker wird. Zeigt euer Gerät eine Distanz zum Verschütteten von nur noch etwa drei Metern an oder wird der Signalton nur noch unwesentlich lauter, beginnt die Punktortung. Dazu führt ihr das Gerät ohne Schwenken direkt über die Schneeoberfläche und geht so lange gerade vorwärts bis das Signal deutlich schwächer wird. Dann bewegt ihr euch zurück zu der Stelle, an der das Signal am stärksten war, und legt dort einen Handschuh oder eine andere Markierung ab. Jetzt führt ihr das Gerät wiederum gerade und in gleicher Position nach links und rechts, bis ihr erneut das stärkste Signal erhaltet. Diese gitterartige Suche führt ihr solange fort, bis das Signal in alle vier Richtungen abnimmt. Von hier aus sucht ihr mit der Sonde nach dem Verschütteten, in dem ihr in konzentrischen Kreisen senkrecht zur Schneeoberfläche sondiert. Das Wichtigste ist, in jedem Fall Ruhe zu bewahren und alle Schritte besonnen durchzuführen. Bei mehreren Suchenden lässt sich viel Zeit sparen, wenn ihr das Vorgehen aufeinander abstimmt. Kommuniziert also miteinander! Haben alle das LVS auf Suchen umgestellt? Wer führt die Punktortung durch, wer macht schon mal seine Sonde bereit, wer seine Schaufel?

Quick Guide Verschüttetenrettung
Quick Guide Verschüttetenrettung

Habt ihr den Verschütteten endlich gefunden, heißt es so schnell wie möglich schaufeln. Und selbst hier gibt es einiges zu beachten, denn Zeit ist euer limitierender Faktor, was euch dazu zwingt, so ökonomisch als möglich zu arbeiten. Grabt also nicht senkrecht nach unten, sondern seitlich zu dem Verschütteten. Einerseits fällt euch so der Schnee nicht wieder in das bereits ausgehobene Loch, andererseits lassen sich die Schneemassen horizontal viel einfacher bewegen.

In Lawinen-Camps wie hier beim SAAC könnt ihr eure Skills trainieren und erweitern, um bestmöglich auf den Ernstfall vorbereitet zu sein | © SAAC
In Lawinen-Camps wie hier beim SAAC könnt ihr eure Skills trainieren und erweitern, um bestmöglich auf den Ernstfall vorbereitet zu sein | © SAAC

Wie die so genannte Grob- und Feinsuche sowie die Punktortung funktionieren, lernt ihr bei den Lawinencamps. Die Bergführer werden euch eintrichtern, dass ihr immer wieder mit dem LVS trainieren müsst, bis die Ortung für euch automatisiert abläuft. Nur so könnt ihr im Ernstfall die Ruhe bewahren und seid in der Lage, euren verschütteten Freund zu finden. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, das ihr niemals in eine Worst-Case-Situation kommen werdet, einen eurer Powder-Kollegen ausgraben müsst oder gar selber verschüttet werdet. Beides wird euch mit Sicherheit noch eine lange Zeit beschäftigen. Also passt gut auf euch auf!