Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-06-01

In der sechsten Ausgabe unserer Lawinen-Reihe geht’s um den Ernstfall. Was tun, wenn trotz aller Vorbereitungen eine Lawine ausgelöst wird?

Von der Theorie bis hin zur Praxis – so könnte man die Themen zusammenfassen, die ihr während der letzten Episoden unserer Lawinenkunde bereits durchlaufen habt. In dieser Folge steht nun der letzte Punkt für diese Saison an und gleichzeitig der schlimmste: der Ernstfall. Wie verhaltet ihr euch, wenn trotz aller Vorsicht dennoch etwas schiefgegangen ist und euch ein Lawinenabgang in die Situation des Worst Case versetzt?

Folgen 1, 2, 3, 4 und 5 unserer Lawinenkunde zum Nachlesen aller Tipps.

Der Worst Case

Okay, du hast alle Punkte des Risikomanagements gewissenhaft befolgt, dennoch erschüttert ein gewaltiges Grollen die Bergwelt um dich herum und schon treibst du auf einem riesigen Schneebrett gen Tal. Gehen wir von der Regel aus, dass du es nicht schaffst, seitlich oder mit einer filmreifen Straight-Line aus der Lawine zu fahren, du bist also mehr oder weniger deinem Schicksal ausgeliefert. Du kannst lediglich versuchen, deinen Airbag zu zünden, dich durch Schwimmbewegungen an der Oberfläche zu halten und die Orientierung nicht zu verlieren. Der Rest ist außerhalb deiner Macht und liegt auch in der Hand deiner Freunde bzw. an der Zeit, die sie dafür benötigen, um dich zu orten und auszugraben.

Aller Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz hat sich eine Lawine gelöst. Was nun? | © Lawinenwarndienst Tirol
Aller Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz hat sich eine Lawine gelöst. Was nun? | © Lawinenwarndienst Tirol

Denn ist das Schneebrett erst einmal zum Stillstand gekommen, kannst du deinen kleinen Finger nicht mehr bewegen. Wenn es irgendwie möglich ist, solltest du kurz vor Stillstand der Lawine mit deinen Armen und Händen eine Atemhöhle formen, bevor dich die Lawine „einbetoniert“. Das Zauberwort, welches deine Überlebenschance elementar steigert, heißt „Luft“! Ist die Lawine zum Stillstand kommen, hilft nur noch Ruhe zu bewahren und darauf zu hoffen, dass deine Crew einen guten und vor allem schnellen Job macht. Denn laut Statistik überleben 90 Prozent aller Verschütteten die ersten 15 Minuten. Man sollte bei der Bergung also nicht auf das Eintreffen der Bergrettung mit ihren Hunden warten, denn diese ist selten direkt nach dem Lawinenunglück vor Ort.

Schnell und überlegt handeln

Gehen wir einmal davon aus, du hattest „Glück“ und die Lawine ist unterhalb von dir abgegangen. Jetzt kannst du die Geschehnisse selbst beeinflussen. Wie gesagt, ihr habt 15 Minuten. Innerhalb dieses Zeitfensters hat der Verschüttete eine Überlebenswahrscheinlichkeit von über 90 %, nach 30 Minuten nur noch rund 30 %. Die schnelle Kameradenhilfe ist also die einzig reelle Chance für den Verschütteten zu überleben. Ihr müsst diese Minuten sinnvoll nutzen. Also Ruhe bewahren! Durchzählen! Wie viele aus eurer Gruppe fehlen? Es fehlt genau einer aus eurer Gruppe. Wo habt ihr ihn das letzte Mal gesehen? Sprecht miteinander, nur so könnt ihr ungefähr den Lagepunkt des Opfers und den primären Suchbereich definieren. Vielleicht schaut ja doch noch eine Hand oder gar ein Kopf aus dem Schnee? Wenn nicht, müsst ihr schnell die Suche organisieren und loslegen. Bevor ihr hinunter zum Lawinenkegel abfahrt, vergewissert euch, ob die Lage inzwischen sicher ist und keine Folgelawinen zu erwarten sind.

Auch Pat Moore trainiert mit seinem LVS | © Red Bull Content Pool
Auch Pat Moore trainiert mit seinem LVS | © Red Bull Content Pool

In der Regel hat sich aber mit dem Abgang des Schneebretts die Gefahrensituation entspannt und ihr könnt mit der Rettung beginnen. Der Erfahrenste von euch sollte jetzt die Gruppe einteilen. Zuerst müssen alle ihre LVS-Geräte auf „Suchen“ stellen, um die Ortung nicht durch unnötige Sendesignale zu behindern. Im Falle einer Mehrfachverschüttung ist es wichtig, dass auch diejenigen immer wieder ihr LVS auf „Suchen“ stellen, die schon mit der Bergung des ersten Georteten beginnen, um nicht die Suche des nächsten Verschütteten durch ihr eigenes Signal durcheinander zu bringen. Vorher noch unbedingt die Bergwacht informieren. Der Rest holt Schaufel, Sonde und Erste-Hilfe-Kit aus dem Rucksack.

Suche & Bergung

Seid ihr am Lawinenkegel angelangt, beginnt ihr mit der sogenannten Grobsuche, bis ihr ein Signal geortet habt, danach folgt die Feinsuche bis zu einer Distanz von wenigen Metern, in der das Suchsignal am stärksten ist, und schließlich folgt die Punktortung, zuerst noch mit dem dem LVS, dann mit der Sonde, bis ihr den genauen Verschüttungsort bestimmen konntet. Bei der Grobsuche bewegt ihr euch in Schlangenlinien vom Ende des Lawinenkegels des Lawinenfeldes bis zum Verschwindepunkt oder bis ihr das erste Signal empfangen habt. Ist der Lawinenkegel unterhalb von euch, beginnt ihr die Suche am Verschwindepunkt. Das LVS-Gerät wird während der Grobsuche waagerecht vor dem Körper im 120-Grad-Winkel hin- und hergeschwenkt. Bei mehreren Suchenden teilt ihr den Lawinenkegel in Suchstreifen auf. Die Distanz zwischen den Suchwegen sollte in keinem Fall mehr als 30 Meter betragen, der maximale Abstand zum Lawinenrand nicht mehr als fünfzehn Meter.

Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-06-02Ab dem Erstempfang eines Signals beginnt ihr mit der Feinsuche. Sobald das Signal empfangen wurde, darf das LVS-Gerät nicht mehr geschwenkt werden. Die so genannten Feldlinien – das sind Linien, entlang derer die Signalstärke am meisten zunimmt und die auf jeden Fall am Sender enden – führen nicht immer direkt, sondern oft auf einer Ellipsenbahn zum Verschütteten. Lasst euch davon nicht irritieren! Folgt bei Digitalgeräten einfach der Anzeige oder bei alten Analoggeräten der Richtung, in der das Signal stärker wird. Zeigt euer Gerät eine Distanz zum Verschütteten von nur noch etwa drei Metern an oder wird der Signalton nur noch unwesentlich lauter, beginnt die Punktortung. Dazu führt ihr das Gerät ohne Schwenken direkt über die Schneeoberfläche und geht so lange gerade vorwärts bis das Signal deutlich schwächer wird. Dann bewegt ihr euch zurück zu der Stelle, an der das Signal am stärksten war, und legt dort einen Handschuh oder eine andere Markierung ab. Jetzt führt ihr das Gerät wiederum gerade und in gleicher Position nach links und rechts, bis ihr erneut das stärkste Signal erhaltet. Diese gitterartige Suche führt ihr solange fort, bis das Signal in alle vier Richtungen abnimmt. Von hier aus sucht ihr mit der Sonde nach dem Verschütteten, in dem ihr in konzentrischen Kreisen senkrecht zur Schneeoberfläche sondiert. Das Wichtigste ist, in jedem Fall Ruhe zu bewahren und alle Schritte besonnen durchzuführen. Bei mehreren Suchenden lässt sich viel Zeit sparen, wenn ihr das Vorgehen aufeinander abstimmt. Kommuniziert also miteinander! Haben alle das LVS auf Suchen umgestellt? Wer führt die Punktortung durch, wer macht schon mal seine Sonde bereit, wer seine Schaufel?

Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-06-03Habt ihr den Verschütteten endlich gefunden, heißt es so schnell wie möglich schaufeln. Und selbst hier gibt es einiges zu beachten, denn Zeit ist euer limitierender Faktor, was euch dazu zwingt, so ökonomisch als möglich zu arbeiten. Grabt also nicht senkrecht nach unten, sondern seitlich zu dem Verschütteten. Einerseits fällt euch so der Schnee nicht wieder in das bereits ausgehobene Loch, andererseits lassen sich die Schneemassen horizontal viel einfacher bewegen.

In Lawinen-Camps wie hier beim SAAC könnt ihr eure Skills trainieren und erweitern, um bestmöglich auf den Ernstfall vorbereitet zu sein | © SAAC
In Lawinen-Camps wie hier beim SAAC könnt ihr eure Skills trainieren und erweitern, um bestmöglich auf den Ernstfall vorbereitet zu sein | © SAAC

Wie die so genannte Grob- und Feinsuche sowie die Punktortung funktionieren, lernt ihr bei den Lawinencamps. Die Bergführer werden euch eintrichtern, dass ihr immer wieder mit dem LVS trainieren müsst, bis die Ortung für euch automatisiert abläuft. Nur so könnt ihr im Ernstfall die Ruhe bewahren und seid in der Lage, euren verschütteten Freund zu finden. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, das ihr niemals in eine Worst-Case-Situation kommen werdet, einen eurer Powder-Kollegen ausgraben müsst oder gar selber verschüttet werdet. Beides wird euch mit Sicherheit noch eine lange Zeit beschäftigen. Also passt gut auf euch auf!

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