Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-05-01

In der fünften Ausgabe unserer Lawinen-Reihe zeigen wir euch, wie ihr mit der SnowCard – einem hilfreichen Tool fürs Backcountry – umgehen müsst.

Falls ihr die letzten vier Episoden unserer Lawinen-Reihe gelesen und die wichtigsten Punkte verstanden habt, seid ihr definitiv schon einen großen Schritt weiter als die meisten eurer Powder-Kollegen. Leider, denn der Großteil aller Freerider verlässt sich immer noch auf die trüggerische Sicherheit ihrer LVS-Geräte und des kürzlich erworbenen Lawinenrucksacks. Ihr wisst es inzwischen besser! Nur Prävention und die richtige Einschätzung des Geländes bewahren euch vor einem Unglück und bieten die Grundlage für den Spaß im Backcountry.

Teil 1, 2, 3 und 4 unserer Lawinenreihe.

Die SnowCard

Bislang haben wir euch recht viel Theorie zugemutet, damit ihr den notwendigen Wissensstand habt, um die komplizierten Zusammenhänge von Lawinen und dem strukturellen Aufbau der Schneedecke zu verstehen. Heute gehen wir aber endlich in die Praxis und geben euch mit der SnowCard ein leicht verständliches Tool an die Hand, das euch live im Backcountry zur Entscheidung verhelfen kann, ob euer Hang safe ist oder ihr besser auf eine unkritischere Variante ausweichen solltet oder gar müsst. Neben der einfachen Handhabung hat die SnowCard den entscheidenden Vorteil, dass jedem das gleiche Ergebnis zur Einschätzung der Lawinengefahr präsentiert wird, ganz egal wie viel Kenntnisse sich jemand über die gesamte Problematik angeeignet habt. Mit dieser Entscheidungshilfe gelangen also Freeride-Einsteiger zum gleichen Fazit – und somit zu einer klaren Aussage, ob ein Hang befahrbar ist oder nicht – wie Snowboarder, die schon seit Jahren durchs Gelände pflügen und sich immer wieder weitergebildet haben. Im Grunde genommen ist die SnowCard eine handliche Prismen-Karte, die durch Änderung des Betrachtungswinkels zwei unterschiedliche Grafiken sichtbar werden lässt – je eine Grafik für günstige und ungünstige Hangbereiche. Diese Handhabung bleibt für alle Nutzer vorerst gleich – Profis können lediglich durch einen höheren Wissensstand den Spielraum etwas erweitern, wenn sie zusätzliche Faktoren beim „Füttern“ der SnowCard heranziehen. Ungeübte uüertragen lediglich die Informationen aus dem Lawinenlagebericht und den Begebenheiten vor Ort – also Hangneigung, -exposition und -form – auf die Prismenkarte und kommen somit zu einem konservativeren Ergebnis.

Wie funktioniert sie?

Gefahrenstufe

Alles fängt mit dem Lawinenlagebericht an. Wo ihr die internationale Gefahrenskala findet und was diese fünf Stufen zu bedeuten haben, wisst ihr ja bereits. Die aktuelle Stufe ist euer erster Faktor, den die SnowCard benötigt.

Steilheit

Mit Hilfe des Pendels lässt sich die Steilheite eines Hangs ermitteln
Mit Hilfe des Pendels lässt sich die Steilheite eines Hangs ermitteln

Als nächstes müsst ihr die Hangneigung ermitteln, die euren Run charakterisiert. Hierzu befindet sich ein Pendel an der SnowCard. Auf dem Board aufgesetzt zeigt euch dieses Lot die exakte Steilheit an dem Ort an, an dem ihr euch momentan befindet. Wichtig bei der Beurteilung ist aber die steilste Stelle eures Hanges. Wie ihr bereits wisst, erhöhen sich die Hangabtriebskräfte mit der Zunahme der Steilheit und somit vergrößert sich auch das Risiko einer Lawinenauslösung. Ihr müsst also auch das umgebende Gelände bei dieser Messung einbeziehen. Befindet sich beispielsweise über euch ein massiver Steilhang, so stellt dieser die wichtigste Messgröße dar.

Günstig oder ungünstig?

Günstig oder ungünstig?
Günstig oder ungünstig?

Bislang musstet ihr euer Hirn nicht allzu sehr anstrengen, denn die ersten beiden Faktoren ließen sich ablesen beziehungsweise messen. Jetzt wird es aber etwas schwieriger, denn ihr müsst aus dem Lawinenlagebericht die Informationen filtern, die auf euren Hang zutreffen: Expositionen, Hangbereiche und Hangformen, die explizit als gefährlich ausgewiesen wurden. Diese stuft ihr folgerichtig als „ungünstig“ ein. Alle Bereiche, die nicht als gefährlich erwähnt wurden, dürft ihr hingegen als „günstig“ betrachten.

Visualisierung & Bewertung

Nach dieser gedanklichen Meisterleistung könnt ihr wieder einen Gang zurückschalten, denn jetzt habt ihr alle „Daten“ erhoben und könnt auf der SnowCard quasi ablesen, ob ihr den Hang befahren dürft oder nicht. Die Steilheit gibt euch die entsprechende Zeile vor, der Gefahrengrad die Spalte. Somit habt ihr das komplette Diagramm der SnowCard auf genau ein Rechteck reduziert. Durch Kippen der Prismen-Karte könnt ihr nun zwischen den Risikoverteilungen von „günstig“ beziehungsweise „ungünstig“ wechseln und erhaltet für beide Varianten grüne, gelbe und rote Bereiche als Visualisierung eures durchschnittlichen Risikos. Bei „grün“ steht eurem Powder-Run nichts im Wege und ihr könnt losfahren. Bei „gelb“ ist ist das Risiko etwas höher, aber immer noch realisierbar. Wenn ihr einzeln in den Hang droppt und genügend Abstände lasst, könnt ihr das Risiko eines Lawinenabgangs auf ein ausreichend sicheres Maß reduzieren. Bleibt schließlich noch „rot“. Solltet ihr euch in diesem Bereich befinden, lasst die Finger von diesem Hang. Auch wenn das mitunter schwer fällt, ist es doch meistens die richtige Entscheidung, damit ihr auch am nächsten Tag wieder unversehrt auf den Berg könnt. Komplett auf Powder zu verzichten ist keine Lösung – da sind wir uns einig oder? Darum ist es wichtig, dass ihr euch mit dieser ganzen Materie beschäftigt und wisst, was ihr im Gelände anstellt. Denn wie bereits oben erwähnt, können erfahrene Snowboarder mit ihrem Kenntnisstand den Spielraum der möglichen Runs etwas ausdehnen. Mit zunehmender Erfahrung ist die Differenzierung zwischen „günstig“ und „ungünstig“ viel feiner und detaillierter möglich.

Habt ihr alle Faktoren beachtet und den Hang richtig beurteilt, steht solchen Momenten nichts mehr im Weg
Habt ihr alle Faktoren beachtet und den Hang richtig beurteilt, steht solchen Momenten nichts mehr im Weg

Wo sehe ich beispielsweise Zeichen, die auf Triebschnee hinweisen? Trifft der grobe Lagebericht auch wirklich auf mein Bergmassiv zu? Hat sich das Wetter anders als prognostiziert entwickelt? Wie sich diese und ähnliche Faktoren auf die Stabilität der Schneedecke auswirken, habt ihr durch unsere letzten Tutorials schon verinnerlicht. Dann könnt ihr den Gefahrengrad lokal anpassen und euch Hänge erarbeiten, die euch die SnowCard als No-Go-Area verboten hat. Dies verlangt aber viel Übung und Erfahrung. Beides können wir euch auf diesem Wege nicht bieten – aber Lawinencamps oder erfahrene Freerider, die mit euch durch das Gelände ziehen, können und werden euch dieses Wissen weitergeben.

Wo bekommt ihr die SnowCard?

Dieses kleine, aber sehr nützliche Tool bekommt ihr im Online-Shop des DAV.