Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-04-01
Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-04-01

In der vierten Ausgabe unserer Lawinen-Reihe steigen wir buchstäblich noch tiefer in die Materie der Lawinen ein und schauen uns an, was sich unter der Schneedecke abspielt.

In den ersten drei Episoden unserer Lawinen-Reihe habt ihr bereits die Basics über die Entstehung von Lawinen und Strategien zur deren Vermeidung gelernt. Jetzt wollen wir sprichwörtlich tiefer in die Materie eintauchen und uns ansehen, welche Prozesse sich in der Schneedecke selbst abspielen.

Folge 1, 2 und 3 unseres Lawinen-Ratgebers könnt ihr euch hier anschauen.

Eine Schneedecke ist - wie eine Lasagne - in mehrere, unterschiedliche Schichten aufgeteilt
Eine Schneedecke ist – wie eine Lasagne – in mehrere, unterschiedliche Schichten aufgeteilt

Den Aufbau einer Schneedecke kann man grob mit einer Lasagne vergleichen. Mit jedem Schneefall kommt eine neue Schicht hinzu, die dann von den sich permanent wechselnden Wetterverhältnissen verformt wird – bzw. können sich auch mehrere Lagen zeitgleich verändern. Und dies auf ganz individuelle Art und Weise, da an zwei unterschiedlichen Orten so gut wie nie exakt die gleichen Klimabedingungen herrschen können. Ähnlich wie Jahresringe bei Bäumen spiegeln die übereinander liegenden Schneeschichten die Historie des gesamten Winters wider. Diese charakteristischen und räumlich begrenzten „Aufzeichnungen“ des Wetters lassen sehr genaue Beurteilungen der aktuellen Lawinen-Situation zu und erlauben sogar einen Blick in die Zukunft – sofern das prognostizierte Bergwetter dann auch tatsächlich so eintreten sollte. Wie kommt es aber nun zu diesen horizontalen Schichten, die uns wie in einem Buch über sich lesen lassen? Es leuchtet sicher jedem ein, dass sich an der Schneeoberfläche das Wetter am stärksten auf deren Beschaffenheit auswirkt. Hier sind die Einflüsse durch Temperaturunterschiede, Wind und Wärmeabstrahlung bei eisigen Nächten am meisten ausgeprägt.
Beim nächsten Schneefall wird diese, zuvor oben liegende Schicht, dann eingeschneit und somit „konserviert“ – natürlich nicht ganz, denn die Prozesse kommen hier nur selten komplett zum Erliegen, sondern laufen einfach deutlich langsamer ab. Wenn wir also die klimatischen Bedingungen vor dem letzten Schneefall und die Historie der tiefer liegenden Schichten kennen, können wir die lokale Lawinengefahr erstaunlich genau beurteilen, sofern wir die Fähigkeit besitzen, das Schneeprofil lesen und verstehen zu können. Das zu erlangen ist ein nie endender Prozess und bedarf viel Übung. Wir wollen euch hier einen groben Überblick vermitteln, welche Mechanismen sich im Schnee abspielen und ihn umwandeln, nachdem er vom Himmel gefallen ist.

Abbauende Umwandlung

Schneekristalle rieseln immer in ihrer sechseckigen Grundstruktur vom Himmel – immer! Bei dicken Flocken haben sich lediglich mehrere dieser hexagonalen Formen ineinander verkeilt. Schon während des Falls, aber spätestens wenn sie auf  den Boden treffen, nagen physikalische Prozesse an ihrer Geometrie. Wenn keine großen Temperaturdifferenzen zwischen Boden, Schneedecke und Umgebungsluft herrschen und die Temperatur zwischen 0°C und -10°C liegt, „schmelzen“ die spitzen Strukturen der Kristalle von außen nach innen sukzessive ab, bis nach Tagen oder Wochen die Verästelungen komplett verloren gegangen und ein amorphes Gebilde zurückgeblieben ist. Wir sprechen von einer „abbauenden Umwandlung“.

Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-04-02Verantwortlich für dieses Phänomen ist die sogenannte Sublimation, also der Übergang von Eis in Wasserdampf. Und diese findet vermehrt an den Spitzen der einzelnen Kristalle statt. Letztlich führt sie dazu, dass auch benachbarte Schneekristalle zusammenwachsen und somit immer größere Verbindungen entstehen. Die Schneedecke wird niedriger, dichter und somit tragfähiger – gut für uns Freerider. Dieser Prozess wird im Lawinenlagebericht oft als ein „Setzen der Schneedecke“ bezeichnet. Da diese Verfestigung temperaturabhängig ist, versteht sich auch, dass die abbauende Umwandlung bei niedrigen Temperaturen langsamer voranschreitet. In Sonnen-abgewandten Nordhängen verzögert sich also diese positive Verfestigung.

Windumwandlung

Wer sich schon einmal mit der Lawinenproblematik auseinandergesetzt haben sollte, hat sicher schon vom „Wind, dem Baumeister der Lawine“ gelesen. Wie bei der abbauenden Umwandlung handelt es sich auch bei der Windumwandlung um eine destruktive Veränderung der Kristallstrukturen, die aber eine zwiespältige Wirkung erzielt. Durch Reibung werden hier die feinen Verästelungen abgebrochen und in windstille Bereiche (Leehänge, Rinnen, Mulden, etc.) verfrachtet. Dort türmt sich dann der sogenannte Triebschnee zu festen und kompakten Gebilden auf. Diese Schichten können durch das erhöhte Raumgewicht der zerkleinerten und aneinandergedrückten Schneekristalle schon nach kurzer Zeit eine enorme Tragkraft entwickeln. Das wäre jetzt grundsätzlich nicht negativ zu bewerten, doch leider ist die Verbindung zum Untergrund oftmals labil, was die Gefahr von Schneebrettern erhöht.

Eine Wechte ist ein deutliches Zeichen für Windumwandlung | © wetterdienst.de
Eine Wechte ist ein deutliches Zeichen für Windumwandlung | © wetterdienst.de

Es gibt aber eindeutige Zeichen wie Wechten, Windgangeln oder Anraum an ausgesetzten Objekten, die euch die Richtung, aus der Wind in den Hang geblasen hat, verraten. Wie ihr diese Spuren zu deuten habt, lernt ihr am besten im Gelände bei einem Camp oder von einem erfahrenen Freerider.

Schmelzumwandlung

Die Schmelzumwandlung ist mit der abbauenden Umwandlung zu vergleichen, spielt sich aber oberhalb des Gefrierpunktes ab und ist mit einer Durchfeuchtung der Schneedecke verbunden. Durch Kapillarkräfte verklebt diese noch zu Beginn der Schmelze die Schneestruktur. Mit zunehmender Feuchtigkeit verliert die Schneedecke aber ihre Festigkeit und große schwere Nassschnee-Lawinen können sich auch ohne unser Zutun lösen. Ursachen für diesen Prozess sind hohe Temperaturen wie z.B. im Frühjahr, direkte Sonneneinstrahlung oder Regen. Sollte diese Schicht nach dem Tauwetter durch fallende Temperaturen erneut gefrieren, stabilisiert sich die Schneedecke wieder.

Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-04-04Dieses Phänomen kennen wir aus dem Frühjahr bei Firn-Abfahrten, wenn die nachts gefrorene Oberfläche in Südhängen vormittags langsam wieder auftaut. Wer sich daran hält, nicht in Bereiche zu fahren, die mit fortschreitender Tageszeit komplett aufgetaut sind, findet hier sehr sichere Verhältnisse vor, denn der feste „Deckel“ schirmt durch seine hohe Tragkraft labile, tieferliegende Schichten zuverlässig ab. Jetzt aber Achtung! Falls erneuter Schneefall den gefrorenen Deckel bedecken sollte, wird es richtig gefährlich, denn die Schneekristalle verbinden sich mit der eisigen Oberfläche nur sehr schlecht und begünstigen die Entstehung von Schneebrettern.

Aufbauende Umwandlung

Im Gegensatz zu den letzten drei Prozessen, kommt die aufbauende Umwandlung konstruktiv daher. Diese Form ist äußerst komplex und würde den zur Verfügung stehenden Rahmen hier sprengen. Grundsätzlich beschreibt diese aber die Bildung von Oberflächenreif oder großer Kristallstrukturen an isolierenden Zwischenschichten innerhalb der Schneedecke. Verantwortlich dafür ist ein hohes Temperaturgefälle bei einer kleinen vertikalen Ausdehnung. Bodennaher Schnee verdunstet, steigt als Wasserdampf nach oben und kondensiert wieder, sobald er auf eine viel kältere Schicht trifft. Auf der Schneeoberfläche bildet sich dann Oberflächenreif. In der Schneedecke entstehen Köcherkristalle oder Schwimmschnee. Beide wirken durch ihre grobe Struktur wie Kugellager oder brechen gleich unter der Last der schweren Schneedecke zusammen – Schneebretter und mächtige Lawinen sind die Folge. Grundsätzlich gibt es drei markante Wettersituationen, die die aufbauende Umwandlung unterstützen. Eine relativ dünne Schneedecke im Frühwinter oder ein generell schneearmer Winter bei relativ großer Kälte; ein Temperatursturz mit wenig Neuschnee und nachfolgender Schönwetterperiode mit einhergehender Kälte; eine längere Schönwetterperiode mit kalten Nachttemperaturen und relativ warmen Tagestemperaturen.