Prime-Snowboarding-Lawinenkunde-03-01

In der dritten Ausgabe unserer Lawinen-Reihe zeigen wir euch nun, wie ihr euch im Gelände verhalten solltet und welche Tools ihr zu eurer Sicherheit kennen müsst. 

Teil 1 unserer Serie „Lawinenkunde für Snowboarder“ findest Du hier, Teil 2 hier.

Wir haben euch schon einiges zur Vermeidung von Lawinen mitgegeben. Ihr wisst also, dass das notwendige Equipment und die intensive Vorbereitung auf euren Powder-Trip helfen, das Risiko eines Lawinenabgangs und somit einer drohenden Verschüttung zu minimieren. In der dritten Ausgabe unserer Lawinen-Reihe wollen wir noch tiefer in das Sicherheitsmanagement eintauchen, das euch sicher durch verschneite Faces bringt und ihr abends bei einem Bier jeden einzelnen Turn noch einmal abfeiern könnt.

Es ist wichtig, dass ihr die Technik, die euch heute zur Verfügung steht, auch einzusetzen wisst
Es ist wichtig, dass ihr die Technik, die euch heute zur Verfügung steht, auch einzusetzen wisst

Lawinenlagebericht

Was können wir also zusätzlich tun, um das sogenannte Restrisiko optimal einzuschätzen? Fakt ist, das nie alles 100 %-ig sicher ist! Denn abseits der Pisten kann sich die Gefahr eine Lawine auszulösen innerhalb von nur wenigen Metern drastisch verändern, dass selbst unserer wichtigstes Instrument – der Lawinenlagebericht – an seine Grenzen stößt. Auf Grund seiner Allgemeingültigkeit und der Abdeckung eines riesigen Gebiets, kann dieser Bericht nur einen ersten und ungenauen Anhaltspunkt für euch bieten. Örtliche Besonderheiten und Abweichungen im Wettergeschehen können mit ihm nicht erfasst werden. Ihr müsst also lernen, die täglich aktualisierten Informationen des Lawinenlageberichtes so zu lesen, dass ihr diese situativ auf das von euch ausgewählte Terrain auslegen könnt. Das ist nicht ganz einfach und kann euch nur von Profis beigebracht werden. Dennoch wollen wir euch hier einen ersten Einblick in die Materie geben. Der Lawinenlagebericht entsteht durch Beobachtungen und Messungen an zahlreichen Stationen im Alpenraum und beinhaltet die gesammelten Informationen vereinfacht und zur Ansicht aufbereitet.

Neben der Angabe der aktuellen Lawinengefahr von gering (1) bis sehr hoch (5), besteht der Lawinenlagebericht meist aus drei Blöcken. In diesen drei Teilen bekommt ihr einen Überblick über das Wetter der letzten Tage sowie eine Prognose für die kommenden Tage. Zusätzlich könnt ihr euch über den Aufbau der Schneedecke und etwaige Neuschneemengen informieren. Neben der aktuellen Warnstufe ist für uns Freerider der Absatz über die Beurteilung der Lawinengefahr in den sogenannten „Kernzonen“ von größter Wichtigkeit. Hier werden die kritischen Höhen, Hangneigungen und Expositionen angegeben, bei denen es am ehesten zu einer Auslösung einer Lawine kommen könnte – und welche Last dafür nötig sein würde. Es ist also die Frage zu klären, ob sich bestimmte Hänge durch unsere Störung beim Ritt ins Tal lösen, oder ob sie eine Person oder eine ganze Gruppe tragen würden. Wenn wir auf genau diese Gefahrenstellen verzichten und uns an die Vorgaben dieser Auswertung halten, sind wir schon aus dem Gröbsten raus. Leider sind viel zu oft genau die Hänge im Lawinenlagebericht zur „Persona non Grata“ erklärt worden. Freeriden ist auch jetzt noch möglich, aber nur unter Vorsichtsmaßnahmen: Vermeidung von Hängen steiler als 30°, Umgehen von Triebschneeansammlungen, möglichst nur auf viel befahrene Hänge beschränken und natürlich einzeln fahren.

Freeride-Taktik

Für Freerider sind vor allem Schneebrettlawinen gefährlich, weil sich dabei auf einen Schlag ein ganzer Hang in Bewegung setzt – und das keinesfalls nur unterhalb des Auslösers. Ein Schneebrett ist eine gebundene Schneeschicht. Das heißt aber nicht, dass man auf einem Schneebrett stehen kann. Ein Schneebrett kann sehr weich sein, trotzdem haben die Schneekristalle einen Zusammenhalt. Um die Lawine nun auslösen zu können, muss eine Spannung zwischen dem Schneebrett und der Unterlage – meist die alte Schneeoberfläche – vorhanden sein. Die Spannung entsteht, da sich der frisch gefallene Schnee unter dem Einfluss der Schwerkraft stärker den Hang hinab bewegt als der schon gesetzte Altschnee. Weil aber gleichzeitig der Schnee auf der Schichtgrenze zwischen altem und neuem Schnee nicht rutscht, entsteht dort eine Spannung. Ist die Verbindung an dieser Schichtgrenze schwach – man spricht etwas verwirrend von Schwachschicht –, besteht die Gefahr, dass diese Verbindung abreißt. Die Lawine löst sich. Dazu muss man wissen, dass die Verbindung nie in einem ganzen Hang gleich ist. Gefährlich sind Hänge, in denen es viele schwache Zonen gibt, aber auch genügend starke, die den Hang noch halten. Trennt ihr mit eurem Board zu viele dieser Brücken, kann das Gleichgewicht kippen. Und was lernen wir daraus? Steile Hänge sind gefährlicher als flache, weil die Schwerkraft an steileren Hängen stärker auf den Schnee wirkt und deshalb größere Spannungen entstehen. Die Verbindungsschicht stören wir als Snowboarder vor allem dann, wenn wir aktiv auf sie einwirken. Landungen nach Sprüngen und Stürze sind also gefährlich. Ebenso der Übergang von viel zu wenig Schnee, weil man dabei leichter die Schichtgrenze berührt.

Der Vorteil des ausgedruckten Berichts ist, dass er euch nicht abstürzen oder wegen schlechtem Empfang laden kann
Der Vorteil des ausgedruckten Berichts ist, dass er euch nicht abstürzen oder wegen schlechtem Empfang laden kann

Bei dicken Schneeschichten bleiben wir bei unserem Run häufig oberhalb der Schichtgrenze und belasten sie entsprechend weniger, da sich der Druck besser im Schnee verteilt. Triebschnee – das ist vom Wind verfrachteter Schnee – ist gefährlich, weil sich die vom Wind rund geschliffenen Kristalle besser verbinden als normale Schneekristalle. Je größer die Bindung in einer Schneeschicht, desto größere Spannungen können sich aufbauen. Viel befahrene Hänge sind dagegen weniger gefährlich, da sich kaum schwache Schichtgrenzen ausbilden, wenn ein Hang nach jedem Schneefall umgepflügt wird. Wichtige Indizien für Schneeverfrachtungen sind z.B. Wechten, Windgangeln oder wellenförmige Schneeoberflächen. Unterhalb von Wechten liegen so gut wie immer Triebschneeansammlungen, die teilweise sehr dick werden können. Durch ihr großes Gewicht können sie besonders gefährlich sein. Neben Wind und Steilheit spielt auch der Faktor „Zeit“ eine maßgebliche Rolle bei eurer Einschätzung, Schnee verändert sich. Das ist offensichtlich im Frühjahr, wenn es tagsüber taut und nachts gefriert. Aber auch wenn man es nicht sieht, ändert sich mit der Zeit die Schneedecke. In der Regel werden Schichtgrenzen dann stärker, in Ausnahmen auch mal schwächer. Grundsätzlich finden die Prozesse, die zur Verbesserung der Bindung führen, aber eher in Sonnenhängen statt. Nordhänge sind daher tendenziell gefährlicher, weil sich hier Schwachschichten lange halten. In den Alpen weht vor allem Westwind, wodurch Osthänge am meisten Triebschnee aufbauen und somit Lawinenabgänge in Nordosthängen am häufigsten stattfinden. Um nun einen einzelnen Hang zu beurteilen, gibt es mehrere effektive Systeme, welche die genannten Faktoren in Betracht ziehen. Zu empfehlen ist vor allem die 3×3-Methode von Werner Munter. Stay safe!