Es ist Mitte März und mal wieder an der Zeit, dass sich unsere drei Freunde Michi, Chris und Felix auf einen ehrlichen Blick ins Glas unter Männern treffen, um am Tresen bei Barmann Toni ihren Verstand zu schärfen.

Die Kommilitonen befinden sich gerade in einer Leerlaufphase namens Semesterferien. Chris und Felix haben durch ihr Elternhaus ein finanzielles Backup und können in der freien Zeit tun und lassen was sie wollen. Michi hingegen muss ordentlich malochen, da die wenige Kohle, die er von zu Hause monatlich überwiesen bekommt, vorne und hinten nicht reicht. Aus diesem Grund hat er nach Neujahr einen Job in einem Snowboard-Shop angenommen und muss morgen früh mit seinem Chef auf die ISPO, die Messe, auf der die Firmen ihre neue Ware für den nächsten Winter dem Einzelhandel präsentieren. Als leidenschaftlicher Snowboarder freut er sich darauf, all die neuen Boards und Klamotten zu sehen, doch er blickt dem Besuch auch mit gemischten Gefühlen entgegen. Der Grund dafür ist, dass dieser Job ihm die Augen geöffnet hat, wie Snowboarden im Moment hinter den Kulissen zu funktionieren scheint. Oder müsste Michi besser sagen, wie Snowboarden nicht zu funktionieren scheint?

Felix Ohne Schnee werden Winterartikel zum Ladenhüter, das liegt doch auf der Hand. Nächstes Jahr schneit’s dafür im November und die Winterindustrie fährt wie vor ein paar Jahren wieder Rekordumsätze ein.

Chris Eben. Und wer keine Rücklagen in den fetten Jahren für die schlechten Winter bildet, ist selber schuld. Außerdem funktioniert das mit der Margen-Deadline „Weihnachten“ sowieso nicht mehr. Prost Jungs!

Michi Jungs, eure Argumentation reicht genau hier vom Tresen bis dort drüben zum Ausgang. Die Probleme der Branche sind nicht nur wettergemacht.

Chris Oh je, jetzt kommt die Ski-Boom-Nummer, richtig? Aber wie der Name schon sagt, handelt es sich um einen Boom, der irgendwann zu Ende geht. In meinen Augen sind eh viel zu viele Leute auf dem Brett gestanden, denen Skistöcke viel besser gestanden hätten.

Michi Mag sein, aber Fakt ist, dass der Boom den Snowboard-Brands zu schaffen macht. Aber in meinen Augen scheint das Hauptproblem hausgemacht.

Felix Bevor Michi aka Chefökonom uns jetzt das 1×1 der Wirtschaftswelt erklärt, brauchen wir unbedingt noch was zu trinken. Toni, bitte noch drei Helle!

Michi Macht euch nur lustig über mich. Vielleicht liege ich auch völlig daneben, aber ich bin der Meinung, dass sich der Markt selbst zerstört und…

Chris Michi, bloß weil ein paar Händler ihren Beruf besser verstehen als andere, geht doch noch lange nicht die Welt unter. Im Gegenteil, es belebt das Geschäft.

Michi Prinzipiell gebe ich dir Recht, aber ich wollte eigentlich auf was anderes hinaus. Es scheint so zu sein, dass sich die Industrie von diesen „Wenigen“, die den Markt angeblich besser verstehen, „Handschellen“ anlegen lässt.

Felix Handschellen… oh Mann, lasst uns mal anstoßen. Prost!

Michi Im Ernst, ich habe den Eindruck, dass die Industrie zum Spielball verkommen ist. Und das Spiel wird durch den E-Commerce immer dreckiger. Rabattschlachten und Preisdiktate finden nicht mehr regional, sondern grenzenlos im Internet statt.

Prime Snowboarding Magazine Bierernst 05
Hat sich der einstige Winterschlussverkauf wirklich zum Rabatt-Wahnsinn entwickelt?

Am Anfang haben die Firmen von dieser Entwicklung bestimmt profitiert und konnten mehr absetzen. Das Gesetz dieses Marktes scheint Gesetzlosigkeit zu sein.
Mir kommt es so vor, als ob die Industrie mit dieser Eigendynamik völlig überfordert ist und nichts dagegen unternehmen kann, da sie am Stückzahltropf der großen Player hängt. Ein Hersteller hat in meinen Augen kaum noch was zu melden, wenn es im Handel um die Wahrnehmung und den Preis seiner Produkte geht. Mir kommen die Brands teilweise wie ein havariertes Schiff vor, das manövrierunfähig durch den Markt treibt.

Chris Na ja, wenn die „bösen Großen“ den Firmen tatsächlich über den Kopf wachsen, muss die Industrie halt mit der Zeit gehen und selber in den E-Commerce einsteigen. Das hätte dann den angenehmen Nebeneffekt,

dass die Margen ohne Zwischenhändler viel attraktiver wären und kein Händler mehr was zu melden hat.

Michi Teilweise haben die Firmen schon eigene E-Commerce-Lösungen, aber bis sie soweit wären, dass sie den Wegfall der Händler finanziell über ihre eigenen Shops abfedern können, sind sie wahrscheinlich schon pleite. Zudem bin ich der Meinung, dass mit dieser Entwicklung keinem geholfen wäre. Wo bleibt da der Service und die individuelle Beratung, die Brand-übergreifende Auswahl oder der regionale Hotspot, an dem man auf Gleichgesinnte trifft? Snowboarden wäre dann nur noch ein seelenloses Irgendwas-Produkt aus dem digitalen „Supermarkt-Regal“.

Was fängt man jetzt mit diesem harten Tobak an Fachgesimple an? Im Grunde kann es uns ja egal sein, was mit der Industrie und dem Handel abgeht, denn Shredden macht heute genauso viel Spaß wie damals, als Snowboarde boomte, oder nicht? Der einzige Unterschied ist, dass man früher für Rabatte bis zum gesetzlich geregelten Winterschlussverkauf Mitte März warten musste und nicht schon an Weihnachten die Qual der Wahl hatte, ob man sein Set-up lieber um 20%, 30% oder mit etwas Glück vielleicht sogar schon um 50% billiger einkaufen soll.

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