Benny Urban hat mit seinem neuen Part in Videograss‘ „Visitors“ wieder einmal für Begeisterung gesorgt. Kurz vor der Veröffentlichung haben wir ihn in Salt Lake City für ein Interview erwischt.

Bei Street Snowboarden denkt man oft zuerst an die USA. Kein Wunder, sind doch die meisten Fotos und Videos, die täglich auf unserem Radar auftauchen, in irgendeiner schneebeladenen Stadt in den Staaten entstanden. Doch es lohnt sich, die Perspektive zu verändern und zu schauen, was die Jungs aus unserer unmittelbaren Umgebung so treiben. Dabei ist an Benny Urban kein Vorbeikommen. Seine Wurzeln liegen in Hamburg, doch vor einigen Jahren hat es ihn nach München verschlagen, um näher an den Bergen zu sein und sein Snowboarden weiterzubringen. Das ist ihm geglückt und die Erfolge der letzten Jahre sind der Beweis dafür. Nun ist er den nächsten Schritt gegangen und für eine Saison in die Staaten ausgewandert, um noch mehr Möglichkeiten zu haben, sein Snowboarden weiterzuentwickeln. Während die restlichen Hausbewohner noch schlafen, hat sich Benny die Zeit genommen, mit uns ein Interview direkt aus Salt Lake City zu führen.

Du bist gerade in den Staaten unterwegs. Wo genau bist du und an welchem Projekt arbeitest du im Moment?
Richtig, im Moment bin ich in Salt Lake City, Utah. Ich habe eine ziemlich coole Unterkunft gefunden, es ist wie eine WG, allerdings mit dem Unterschied, dass man sich hier ein kleines Haus mietet und zusammenbewohnt und nicht nur eine Wohnung. Ich bin Anfang November 2016 hergekommen, um bis Ende Januar meinen Part für Videograss zu Ende zu filmen. Es ist eineineinhalbjähriges Projekt und unterscheidet sich ein wenig von den anderen Filmen. Normalerweise kommen die Snowboard-Filme ja im Herbst heraus, doch jetzt haben sich die Jungs von Videograss überlegt, den Film auf der SAE Tradeshow – dem Pendant zur ISPO in München – vorzustellen. Anschließend werden sie mitten im Winter eine Premierentour starten. Sie werden von Resort zu Resort fahren, um die Kids dann zu hypen, wenn tatsächlich auch Schnee am Start ist und die Leute wirklich snowboarden gehen. Und nicht im trockenen Oktober. Ich hatte viel darüber nachgedacht, dass ich – während die Jungs hier Vollgas geben – in München sitzen und warten müsste, was passiert und eigentlich viel lieber vor Ort wäre, um an dem Projekt mitzuarbeiten. Bis jetzt hat sich die Entscheidung hierher zu kommen definitiv gelohnt.

Das ist wirklich ein ungewöhnlicher Ansatz für einen Snowboard-Film. Kannst du dich daran erinnern, ob das zuvor schon einmal gemacht wurde?
Meines Wissens gab es das bisher nicht und ich finde den Ansatz wirklich spannend. Denn eigentlich funktionieren Snowboard-Filme ja als Werbe-Tools für dieIndustrie, um die neuen Produkte rechtzeitig vor dem Verkauf in den Videos zu zeigen. Das wird bei diesem Projekt aber völlig außen vor gelassen. Stattdessen wird Snowboarden selbst und die Leidenschaft wieder in den Mittelpunkt gerückt, losgelöst von dem Ein-Jahres-Rhythmus, in dem die Produktionen sonst stecken. Auf der anderen Seite war es gerade deshalb aber auch schwieriger, Firmen zu überzeugen, den Film finanziell zu unterstützen.

War es dann auch für dich selbst schwerer als sonst, deine Sponsoren davon zu überzeugen, dich bei diesem Projekt zu supporten?
Leicht war es nicht. Nitro hatte ja erst einen eigenen Film herausgebracht, aber ich hatte das Glück, dass Vans Bock hatte, mich in das Projekt zu bringen. Vans ist seit Beginn bei Videograss dabei und gibt jedes Jahr Budget dafür frei, ein paar ihrer Teamfahrer unterzubringen und ich hatte das große Glück, einer dieser Fahrer zu sein.

Im Zuge der Arbeit am neuen Videograss-Film warst du oft mit JP Walker und Jeremy Jones unterwegs. Wie ist das für dich?
Es ist verrückt, denn es fühlt sich nie so an, als wäre ich mit „Stars“ unterwegs. Vielmehr ist es so, wie wenn ich mit meinen Homies unterwegs bin. Das zu realisieren, war eine ungemein eindrückliche Erfahrung. Ich bin für jeden Moment dankbar, den ich mit den beiden cruisen gehen konnte.

Nicht mehr in den USA, sondern zuhause in Nesselwang unterwegs | © Red Bull Content Pool/Lorenz Holder
Nicht mehr in den USA, sondern zuhause in Nesselwang unterwegs | © Red Bull Content Pool/Lorenz Holder

Wie ist es zu der Zusammenarbeit gekommen?
Die ursprüngliche Verbindung kam damals über Thirtytwo, als JP während der Premieren-Tour in Europa war und ich das Vergnügen hatte, ihn kennenzulernen und mit ihm in ein paar Gebieten bei uns fahren zu gehen. In den letzten drei Jahren hat es sich einfach so ergeben, dass wir immer an den gleichen Video-Projektengearbeitet haben und auf denselben Trips unterwegs waren. Über ihn habe ich auch Jeremy kennengelernt und so kam es, dass wir jetzt auch für den neuen Filmoft zusammen unterwegs waren.

JP und Jeremy sind eine ganze Spur älter als du, aber nach wie vor mit einer unglaublichen Leidenschaft und Energie bei der Sache. Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, ob du in dem Alter auch noch Street fahren und deinem Körper diese Strapazen zumuten möchtest, oder ob du mit Ende 30 irgendwo anders sein möchtest?
Das ist eine interessante Frage, die ich mir tatsächlich schon oft selbst gestellt habe. Will ich mit 40 Jahren noch solche Spots fahren wie heute oder will ich schon die nächste Phase meines Lebens eingeleitet haben? Ich habe mich darüber länger mit JP unterhalten, um zu erfahren, was seine Motivation ist. Er ist inseinem Leben durch viele Phasen gegangen. Es gab solche, in denen Snowboarden einfach nur ein Job war und zur Routine geworden ist, doch dann hat er wiederum festgestellt: Auch wenn es ein Job sein sollte, so ist es doch immer noch der beste Job, den man haben kann. Wenn du diesen Job über zwanzig Jahre machst, muss es einfach Höhen und Tiefen geben. Für JP war es wichtig, diese Phasen zu erleben, um dahin zu kommen, wo er heute ist. Denn die Anforderungen an einen selbst sind extrem hoch und diese beiden sind zu 100 Prozent Profis. Sie gehen regelmäßig zu einem Verletzungs-Therapeuten – der früher übrigens bei der CIA war und sich um die Agenten kümmerte, kein Scherz! – und lassen sich wieder herrichten, sie ernähren sich gesund und trinken keinen Alkohol. Ich bin jetzt gerade mal 25 Jahre alt und merke aber, dass zwei Wochen ohne Schlafsack auf der Couch und abends feiern gehen ziemlich anstrengend sind [lacht]. Wenn du auf diesem Level snowboarden willst, funktioniert das einfach nicht. Ich kann nur versuchen, mir vorzustellen, wie das mit 40 ist und die beiden haben meinen größten Respekt.

Beim „The Hippie Jump“ 2014 am Kitzsteinhorn konnte man schon ahnen, dass Benny eine glorreiche Zukunft bevorstand. | © Red Bull

Aber ganz konkret: Möchtest du mit 40 noch Street fahren oder deine Aufmerksamkeit auf einen anderen Teil des Snowboardens richten?
Ich möchte mich in den nächsten Jahren in eine andere Richtung weiterentwickeln, weil ich gerne im Backcountryunterwegs bin und es mir unglaublich viel Spaß macht. Aber es ist natürlich ein langer Weg dahin, besonders, wenn man jedes Jahr auch den Sponsoren gegenüber eine Verpflichtung hat, einen Movie-Part abzuliefern. Dem komme ich auch gerne nach und habe Spaß dabei, aber zwischendrin trotzdem noch die Zeit zu finden, diese andere Seite des Snowboardens auszubauen, ist nicht einfach. Wie zum Beispiel jetzt: Die Bedingungen am Berg sind perfekt und ich überlege, auf einen Street-Trip zu fahren und zu filmen…

Dennoch gibt es immer wieder Fahrer, die sich bewusst dafür entscheiden, eine andere Richtung einzuschlagen. Unabhängig davon, ob sie den vollen Support ihrer Sponsoren bekommen.
Ich glaube, früher oder später ist das Bedürfnis nach Veränderung zu groß, um es nicht durchzuziehen. Diese Phase wird mit Sicherheit kommen und dann werde ich sehen, in welche Richtung es weitergeht.

Deine Karriere hat in den letzten Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen und du hast nun andere Möglichkeiten und auch Verpflichtungen als die Jungs, mit denen du vorher oft unterwegs warst. Wie hast du diese Veränderung erlebt?
Ich versuche nach wie vor so viel Zeit wie möglich mit meinen Jungs zu verbringen. Wenn ich mit meinen Homies unterwegs bin, die ich seit zehn Jahren kenne, ist das noch immer die beste Zeit auf dem Snowboard. Diese Tage, die ich mit ihnen verbringen kann, sind meine absoluten Highlights der Saison. Wir kennen einander, wissen, wie der andere tickt, da braucht es keine großen Absprachen, es funktioniert einfach. Aber natürlich arbeitet jeder von uns an verschiedenen Projekten. Alex Tank hat sein eigenes Ding am Laufen, Dominik [Wagner; Anm. d. Red.] ist viel mit Nitro unterwegs… Ich versuche so gut es geht, alles miteinander zu verbinden. Kurz vor Weihnachten sind wir für Videograss nach Québec geflogen und hatten noch einen Spot in der Crew frei. Kurzerhand habe ich Dominik angerufen, ober nicht Lust hätte, mit auf den Trip zu kommen und er war sofort am Start. Wenn solche Dinge funktionieren, ist es unglaublich schön. Aber ja, es war nicht einfach, aus meiner Komfortzone herauszugehen, München aufzugeben, um hier in Amerika zu sein und versuchen Fuß zu fassen.

2014 hat sich Benny nach Island aufgemacht, um auch dort die Rails näher zu untersuchen | © Red Bull/Tim Schiphorst
2014 hat sich Benny nach Island aufgemacht, um auch dort die Rails näher zu untersuchen | © Red Bull/Tim Schiphorst

Wie war das für deine Familie? War es für sie absehbar, dass du irgendwann den Schritt von Deutschland weg machen wirst?
Ich bin mir nicht sicher, ob sie es voraussehen haben können, dass ich einmal weiter weg gehen würde. Aber nach der letzten Saison habe ich öfter anklingen lassen, dass es gut sein könnte, dass ich diesen Schritt gehen möchte. Ich bin sehr dankbar, dass meine Eltern sehr gut verstehen, was ich mache und mich so gut sie können dabei unterstützen. Auch mit meiner mittlerweile Ex-Freundinhabe ich mich oft über dieses Thema unterhalten und sie war überzeugt davon, dass dies der nächste Schritt für mich sein muss. Wenn man den Blick auf Skateboarden wirft, sieht man, dass viele Jungs, die es noch einmal wissen wollen, nach Kalifornien gegangen sind. Die Szene hier in den Staaten, sowohl im Skaten wie im Snowboarden, ist einfach größer und es passiert so viel hier. Ich bin gerade dabei, genau das auszutüfteln und herauszufinden, ob das stimmt.

Du hast in den letzten Jahren einiges erreicht: Video-Parts, Interviews, Magazin-Cover… Was waren für dich persönlich die Dinge, auf die du am meisten stolz bist?
Für mich war es ein bedeutender Schritt, bei Red Bull zu landen und die finanzielle Unterstützung zu bekommen, genau dorthin zu gehen, wo der Schnee ist. Ich kann mir jetzt erlauben, auch weiter entfernte Ziele in den Fokus zu nehmen, was davor sehr oft schlicht unmöglich war. Der Welcome-Clip für RedBull, den ich daraufhin mit meinem Hamburger Freund Karsten Boysen produziert habe und anschließend der Thirtytwo-Part im Herbst sind fürmich persönlich die zwei Sachen aus den vergangenen beiden Jahren, auf die ich besonders stolz bin.

Danke für deine Zeit, Benny!

Benny Urban – Shortcuts

Boardlänge 152 & 157
Bootgröße 9,5 (US)
Stance Regular
Winkel +9/-6
Geboren am 24.07.1991
Lebt in München & Salt Lake City
Sponsoren Vans, Red Bull, Nitro Snowboards, Ashbury, Howl, Skatedeluxe

aus: Prime Snowboarding Magazine #11

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